Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1926)
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 155 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2293042-2293045--08209-2301491- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Cbajim Nachman Bialik als Jude. 155 mit Sternen Silber und Gold für eine Handvoll Liebe herzugeben.. Ja — er macht sich stark, wird ein Prometheus nicht des himmlichen, sondern des irdischen Feuers: droht Gottes Thron zu erschüttern, seine Säulen zu zersplittern, den Herrn der Welt selber zu stürzen. Aber mitten in titanischer Hybris ergreift ihn die entgegengesetzte Bewegung: ״Gott, auch das Feuer in meinem Herzen, siehe, ich gebe es als heiliges Opfer dem Himmel״. In solcher Zerrissenheit, die nicht äusserlich und zufällig, sondern in tiefer Notwendigkeit mit der Zerstörung Jerusalems und der inneren Tatsache des Galuth verbunden ist, muss er verbleiben: das Bild eines Weibes lockt ihn in die Tiefe, eine göttliche Lichtwolke in die Höhen — das ewig Weibliche zieht ihn hinab. ״Das Feuer Gottes, das Feuer des Satans, und stärker als beide — das Feuer der Liebe“ — diese drei brennen im ״Kummer des Einsamen“. Mit all dem ist wiederum ein wesentliches Problem des jüdischen Lebens vor uns hingestellt: das Problem der Askese. Man erkennt schon aus Bialiks Liebeskampf, wenn man es sonst nicht wüsste, dass die landläufige Meinung, dem Judentum sei die Askese völlig fremd, irrtümlich sein muss. In der Tat findet sich ja sowohl in der Thora wie in den anderen Bücher des Alten Testaments ein asketischer Typ: der Nasiräer, der ein Gelübde tut, sich des Weingenusses zu enthalten, auf dessen Haupt kein Schermesser kommen darf und der ״ein Geweihter des Herrn“ ist. Mischna und Talmud widmen dem ״Nosir“ einen ganzen Traktat — und dennoch ist andererseits die talmudische Redensart ״Lieber will ich ein N 0 s i r werden“, gleichbedeutend mit ״Lieber will ich ein Sündiger werden“. Man soll also kein Asket werden, obwohl diese Institution besteht — dies etwa drückt die Stellung der Askese im System des Judentums aus. Bialik wird ihr in der ״Feuerrolle“ sehr gerecht, indem er dem schon erwähnten Alten, der solch ein Nasiräer ist, von beiden Seiten zeigt: einmal in seiner Reinheit, dann aber auch in seiner sündhaften Lebensfremdheit. Die ganze Paradoxie dieses Problems enthüllt sich aber