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Jeschurun · 1926-03-01 · Heft 3-4 (März 1926) · p. Seite 152

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
13 (1926)
Issue
Heft 3-4 (März 1926)
Date
1926-03-01
Page
Seite 152 (sequence 44)
Language
German
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152 Chajim Nachman Bialik als Jude. Schilderungen, die nicht selten sind, tritt die Naturschilderung gänzlich zurück; und dies Schweigen ergänzt die Naturlieder selber und erklärt ihre Eigenarten. Es will sagen: Natur ist nur dem von Not Befreiten gnädig; dem Ungeschützten zeigt sie nur ihre nackte, ihre materiale Substanz: Hitze und Frost, nicht Sonnenhelle und frische Klarheit der Luft. Die zu gemessen, bedarf es eines kühlen Zimmers oder eines wärmenden Ofen. Manchmal freilich vergisst der Dichter an einem Frühlingstag alles Vergangene, ״ein ganz anderer Wind״ umweht ihn dann. Aber selbst noch in den glückstrahlenden, sogar humorigen ״Winterliedern0 ist es doch der Jeschiwahbocher, dem die klare Froststarre des hellen Tages Kraft und Aufrichtigkeit gibt, ihn zusammenzieht und kontarenscharf umreisst und ihm jenes machtvolle Grundgeföhl ins Herz giesst, das am Anfang und Ende jeder Betrachtung über Bialiks Naturlyrik stehen muss: Rebellion! LIEBE, TOB UND KUNST: Wir haben von Bialiks Naturhass gesprochen: wir hätten ihn auch Naturangst benennen können. Und ganz so ist es in seinen Liebesliedern: neben den ״normalen״, die Boten glücklicher Erfüllung sind, stehen in auffallender Zahl und Intensität solche Gedichte, in denen die Wehmut herrscht. Und zwar ist es nicht etwa das Leid unglücklicher Liebe — daran wäre nichts bemerkenswert — sondern das Leid der Erfüllung (das übrigens auch für einen von Bialik als jüdischen Dichter Empfundenen, für Heine, charakteristisch ist). Die Gegensätze stehen hier besonders dicht neben einander: während auf der einen Seite das uralte jüdische Motiv von der Vergänglichkeit der Sinnenreize — das schon im letzten Kapitel der ״Sprüche Salomonis“ zum Ausdruck kommt — sehr stark betont wird, findet sich andererseits Grobsinnliches, mitunter Obszönes. Aber selbst diese Sinnlichkeit drückt sich sehr charakteristisch aus: sie wird zwar nicht geradezu vergeistigt, aber immerhin mythologisiert. In ״Ihre Augen״ z. B. wird Gott, der Satan und Lilith angerufen.

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