Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1926)
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 151 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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Chajlm Nachman Bialik ais Jude. 151 bochers gesehen, und sie repräsentiert sich in dem Augenblicke, immer wieder in dem Augenblicke, da er aus dem finsteren Zimmer in die Tür tritt, und sie nun auf den Erstaunten eindrängt. Charakteristisch dafür ist die Häufigkeit, mit der Bialik die Situation des offenen Fensters zeichnet, in das die Sonnenstrahlen gerade eindringen — genau dies ist das entscheidende und erste Naturerlebnis des sich soeben befreienden Ghettojuden. Das Wort ״Cheder“ erhält in diesem Zusammenhang symbolischen Wert für eine ganze Kultur, die sich eine Welt des Zimmers, der Absperrung, gleichsam des Ghettos gegen die Natur geschaffen hat. Alle früher herausgestellten Besonderheiten werden aus dieser soziologischen und psychologischen Entstehungslage der Bialikschen Lyrik verständlich. Seine Natur ist hell — im Gegensatz zur Dunkelheit des Ghetto, belebt — iai Gegensatz zu seiner Eintönigkeit, in B e w e g u מ g - im Gegensatz zu seiner Starre. Sie ist stets psychologisch gesehen — w׳ie etwa in Goethes Erlkönig, wo aber ein krankes Naturgefühl gezeigt werden soll — und daher so oft allegorisch. M e e r und Ab e n d etwa sind nicht Meer und Abend schlechthin, sondern phantastische Glückselemente des ElendeD, Beengten und Gehetzten — eioe heimlicher Weise bereits gegenwärtige ״zukünftige Welt״. Der Frühling ist nicht der der Natur, sondern der des Menschen und Juden; sogar die Tiere sind häufig keine zoologisch existenten Geschöpfe — diese Eidechsen spinnen Fäden und diese Chamäleons saugen Blut — aber auch nicht einfache Fabelwesen, sondern gewissermassen Geschöpfe einer soziologischen Mythologie: Geburten der Armut, Gestalten der dunklen Zimmerecken in den Elendshäusern der Jugend uDd ihrer phantastischen Albdrücke. Und hier — im Sozialen — entspringt auch die Quelle des Bialikschen Naturhasses. Sein Lied stammt aus dem Protest gegen Not und Enge; die Tränen seiner Mutter waren in das armselige Brot der Kindheit eingebacken und sind in ihm zu Seufzern geworden, die ihn nie mehr, auch in Zeiten des ״Glückes“ nicht verlassen. In solchen autobiographischen