Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1926)
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 150 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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150 'Chajim Nachman Bialik als Jude.' Die letzt genannte Eigentümlichkeit bietet sich von allen der Deutung am leichtesten dar, weil sie literarische Vorbilder im jüdischen Schrifttum hat. Schon der Psalm vergleicht die Sonne mit einem ,Bräutigam, der aus seinem Hochzeitszelte tritt״. Im Talmud ist es geradezu die Regel, dass Gottes ,Eigenschaften“ — sit venia verbo! - an dem Bilde eines menschlichen Königs auseinandergesetzt werden — und auch sonst ist der talmudische Vergleich — ״maschal“ genannt — ausnahmslos Vergleich des Oberen mit dem Unteren, statt umgekehrt. Es sind absteigende, nicht aufsteigende Bilder. In den gedruckten und gesprochenen Predigten östlicher Wanderredner hat sich diese Eigentümlichkeit erhalten und weiter ausgebildet: sie pflegen die schwierigsten theologischen Probleme und die ernstesten sittlichen Ermahnungen durch ein Beispiel aus dem ganz alltäglichen Leben ihren Hörern klar zu machen, ganz unbekümmert um ״Prosa“ und ״Poesie“. Das Bialiksche Bild ist also auf jüdischem Boden gewachsen, und zwar nicht nur auf literarischem, sondern auf der breiten jüdischen Volkserde. Der Nichtjude vergleicht das Menschliche mit dem Natürlichen; dieses ist ihm unmittelbarer, offenbarer und offenbart — daher zur Klärung geeignet. Bei uns ist es gerade umgekehrt : nahe ist uns der Mensch mit seinem Alltag, konkret ist uns die Bibel und die Haggada — die Natur muss mit ihnen verglichen werden, um uns lebendig zu werden. Man sieht: hier ist ein bereits ursprünglich vorhandener Charakterzug des jüdischen Volkes durch Diaspora und Ghetto verstärkt worden. Niemals der Natur schlechthin ausgeliefert, nie ihre Dämonen fürchtend, ihre Götter ehrend, ihre Wandlungenvergötzend — sondern dem jenseitigen, einen, geistigen Gotte dienstbar, ist Israel durch seine Geschichte der Natur völlig entfremdet worden♦ Die Rebellion, die wir im Sprachlichen darlegten, äussert sich nun auch hier: die Natur wird Verführerin. Ihre Schilderung aber steht durchaus im Zeichen dieses ersten Sehens: Bialiks Natur ist mit den Augen des entlaufenen Jeschiwah-