Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1926)
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 149 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Chajim Nachman Bialik als Jude. 149 anzusprechen gewöhnt sind, die aber bei dem hebräischen Dichter ohne alle Einflüsse, nur aus dem Kern seines Naturgefühls, erklärt werden kann. In einem der herrlichen ״Winterlieder״ werden Schneeteilchen zu Lichtblumen, die tanzen, zu entfliehen suchen, schmelzen und .endlich tropfen; in einem anderen ist der Winter geradezu ein Frühling, seine Kälte ein Schmelzofen geworden. Die Bilder vornehmlich werden nicht aus dem Nahen, sondern aus dem Gegenteil genommen — ein Phänomen dynamischer Polarität. Dass diese Natur nicht nur stets belebt und bewegt, sondern meist auch hell belichtet ist, ergibt sich schon aus dem Gesagten. Dagegen erfordert die Eigenart der Bialik’schen Bilder noch ein näheres Eingehen. Die Funktion des üblichen poetischen Bildes ist es, entweder einen abstrakten Vorgang oder Gedanken zu versinnliehen und zu versinnbildlichen, oder aber, fremdartige und schwierige Dinge durch den Vergleich mit Näherliegendem verstündlicher zu machen. (Das Vergleichsbedürfnis des Menschen überhaupt, nicht nur das des Dichters, beruht auf seinem logischen Einheitsstreben, dass sich auf der primitiven Stufe im Aufsuchen der Parallelitäten äussert.) Das Bialiksche Bild ist nun, von diesen Gesichtspunkten her gesehen, sehr eigentümlicher Natur. Es konkretisiert nicht immer, sondern abstrahiert manchmal geradezu: wenn die Morgensonne ihre Strahlen auf einen Baumriesen giesst und seine Wipfel in goldene Fesseln legt — dann wird die Situation mit ״Simson in den Händen Delilas“ verglichen, und zwar nur mit den eben zitierten Worten nackt benannt, nicht etwa geschildert. Und dann wieder: die Morgenwinde spielen wie die Zungen eines Kindes, Sonnenflecken sehen aus wie Goldstücke, tiefstes Wehgefühl wird mit dem Brüllenwollen eines Ochsen verglichen, der geschächtet werden 8011, die Todeszuckungen der lebendigen jüdischen Frömmigkeit mit einem Docht ohne Oel. In diesen Beispielen wird zwar konkretisiert, aber auf eine durchaus nicht sinnbildliche oder poetische Art, sondern sehr prosaisch, manchmal fast platt.