Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1926)
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 147 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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Chajim Nacbman Bialik als Judo. 147 und sucht sich rein rational, also natürlich erfolglos, mit ״Fruchtbarkeit״ und ״Schönheit״ zu trösten. Das sind nur Argumente, die er seinem Gefühl entgegen hält, die aber den wehmütigen Refrain seines Herzens nicht heiter stimmen können. Und wenn er den Frühling preist, dann geschieht es manchmal (natürlich nicht immer: es gibt auch das Normale!) bei negativer Gelegenheit, in Erinnerung oder Hoffnung, zwischen ״Noch nicht״ und ״Nicht mehr״. Zwischen diesen beiden läuft nur ein schmaler Steig — ein Naturempfinden, das sich auf ihm sein Reich gründen will, wird zur Naturklage mindestens so neigen wie zu ihrem Preise. Der Dichter verhält sich also affektiv zu den Jahres- Zeiten — er hat unter ihnen Lieblinge (den Frühling und den strengsten Frostwinter) und ausgesprochene Feinde (insbesondere die Regentage mit ihrer Eintönigkeit und ihrem Alltag). Ebenso steht es mit den Tageszeiten: er liebt eigentlich nur den frühen Morgen. Der wertende und auswählende Mensch steht also in einem ganz besonders innigen Zusammenhang mit dieser Natur — und dem entspricht es auch, dass sie fast nie leer ist, sondern fast immer belebt — wenn nicht von Menschen, so von kleinen Geistern, Zwergen usw., die — meist kabbalistischen Vorstellungen entnommen — eine eigentümlich pantheistische Belebung in die einsame Natur bringen. In einem sehr typischen Poem ״Nacbtgeheimnisse״ z. B. wird die Einsamkeit des Dichters durch eine solche Verbindung mit den Stimmen der Finsternis empfunden und auf gelöst, und zwar gerade durch deren mannigfaltige Umdeutbarkeit. Das Rätsel der Nacht aber bleibt trotz allen Erscheinungen so gross wie je — sein Vorhandensein an sich ist Wert. Zum Schluss steht das Wunder der stummen, menschenlosen Stadt. So zeigt uns Bialik zwar nie die Natur ohne Mensch oder Geist — wohl aber die Menschensiedlung ohne Menschen. Auch dies ist tief bezeichnend. Ebensowenig wie Bialiks Natur jemals leer ist, ist sie jemals ruhend. Er schildert fast ausschliesslich bewegte Natur; einen gelegentlichen Ruhezustand nur als Gegensatz und