Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1926)
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 146 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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146 Chajim Nachm an Bialik als Jude. NATUR: Bei der Frage, was an Bialiks Naturlyrik spezifisch jüdisch sei, wird ein allgemeineres Seinsproblem der jüdischen Diaspora akut: das Problem^des heimlichen Juden. Konsequenter Formal-Nationalismus wird hier nur die eine, allzu massive Antwort haben: alles Hebräische ist jüdisch, alles Unhebräische unjüdisch. Wir, inhaltlicher bemüht, werden nach dem jüdischen Erbteil in Spinoza, Heine, Marx fragen dürfen und auch bei Bialik nach ihm fragen müssen. Er selbst hat übrigens — trotz seiner das Hebräische verabsolutierenden Sprachtheorie — in dem meisterhaften Aufsatz über den grossen 1 ussisch-jüdischen Maler Pasternak und in gelegentlichen Seitenbemerkungen über Josef Israels ein sehr feines Verständnis für die Aufspürung des verborgenen Judentums bekundet. Wo liegt das Judentum in Bialiks Naturliedern verborgen? Sind sie schlechthin Menschheitsdichtung in hebräischer Sprache, oder sind sie Schöpfungen aus jüdischer Seele? Um diese Frage ohne gewagte Konstruktionen zu beantworten — die gerade bei solchen Untersuchungen immer besonders nahe liegen — wollen wir zunächst sehr nüchtern feststellen, was diese Lyrik von anderer Lyrik unterscheidet — und dann erst an die Deutung solcher Erscheinungen herangehen. Zunächst fällt auf, dass sich die Gedichte der Naturliebe und die des Naturhasses fast die Wage halten, wenn nicht sogar — nach Zahl und Wert — die negativ eingestellten überwiegen. Gewiss eine sehr merkwürdige Erscheinung, die ziemlich einzig in ihrer Art sein dürfte: hier schreibt einer Naturlieder, durchaus nicht nur in der Absicht, zu preisen und Lob zu singen, sondern auch, um Hass, schäifste Abneigung und Abkehr kundzutun. Die Grundstimmung ist häufig der — im deutschen Kulturkreis schalkhaft gemeinten — des Eulen- Spiegel ähnlich, der sich nie des Zustandes selber freuen kann, sondern beim Abstieg traurig ist wegen des bevorstehenden Aufwärtsweges. Bei Bialik aber ist das sehr ernst gemeint: er beklagt die Regentage ebenso wie die Sommerglut