Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1926)
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 145 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Chajim Nachman Bialik als Jude. 145 Zu dieser Meinung bekennen wir uns, wenn wir nach Bialiks Beziehungen zum Kern des Judentums, seiner religiösen Gesetztradition fragen und es unternehmen wollen, ihn auch auf allen anderen Wesens- und Scbaffensgebieten von diesem zentralen Verhältnis her zu verstehen. Die Halacha, die Bialik selbst in einem seiner schönsten Essays1), ״Halacha und Haggada״, als ״gestaltete Lebenshaltung״ bezeichnet und für die jüdische Konsequenz der Ebenbildlichkeit Gottes im Menschen erklärt, sei unser Ausgangs־ und Zielpunkt. Unsere Aufgabe ist also keine ästhetische, sondern eine religions-philosophische und soziologische (soziologisch insofern, als das ,,Gesetz“ ja nicht nur geistige Wirklichkeit ist, sondern den irdischen Tag und die tatsächliche Gesellschaft des jüdischen Ostens gestaltet, zu welcher Gestaltung Bialik Stellung nimmt). Daher werden wir nicht nur Bialiks Gedichte, sondern sein ganzes Leben und sein Gesamtwerk heranziehen müssen. Dass damit dem eigentliehen Dichter kein Unrecht geschieht, wird sich aus der eigentümlichen Aufgabe und Stellung des jüdischen Dichters später noch erweisen. Und die Art unseres Vorgehens schliesslich wird sich ebenfalls nicht nach den Formen richten, in denen Bialik seine Gedanken ausgesprochen hat (Lyrik, Epik, theoretische Untersuchung), sondern nach den Inhalten, die ihnen allen gemeinsam zu Grunde liegen2). *) Die ״Essays“ sind für den hebräischen Leser in der ganz wundervoll gedruckten, mit Budko’schen Bildern geschmückten, 4bändigen Gesamtausgabe der Werke Bialiks (Gedichte, Essays, Novellen, Uebersetzungen des Wilhelm Teil und Don Quichote) zugänglich. (Verlag Wahrmann, Frankfurt a. M.) Dem deutschen Leser hat ganz neuerdings der Jüdische Verlag, Beiiin eine vortreffliche Uebersetzung geboten. Ausserdem hat Ernst Müller (im Verlag R. L ö w i t, 1922) eine Uebersetzung der ״Ausgewählten Gedichte“ mit einer ausgezeichneten kurzen Einleitung erscheinen lassen. 2) Hier sind drei Kapitel ausgefallen, die Bialiks ״Leben“ und sein ״Verhältnis zur Sprache“ behandeln und in Heft 5 der Zeitschrift ״Der Morgen“ erschienen sind.