Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 93)
- Language
- German
- Belongs to
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Zwei Welten 98 unser Tiefstes und Innerstes zu rühren, herabsinkt. Doch was uns hier interessiert ist die andere Frage. Mussten die Details in dieser Deutlichkeit gegeben werden. Angenommen, nicht zugegeben, jeder Entwickelungsroman fordere ein Eingehen auf das Sexualleben, das nun einmal für den jungen Menschen von alles überragender Bedeutung ist, müssen wir es uns gefallen lassen, dass diese Dinge so unverhüllt gezeigt werden, wie etwa in jener Scene, die mit den Worten schiiesst ״Nur spürt er zum ersten Mal mitten in betäubender Wonne etwas wie den feinen Nadelstich des Grauens.״ Dostojewski und Tolstoi sind Dichter, die noch werden gelesen werden, wenn von unseren modernen Epikern die letzte Spur verweht. Wie ist in ״Raskolnikow“, wie in ״Auferstehung״ dies Thema behandelt! Wir sind doch schliesslich keine Kyniker, die auf der Agora das vollziehen, was selbst bei den edlen Tierarten vom Schleier der Nacht verhüllt wird. Und was bedeutet es anders, wenn der Dichter vor den Augen seiner hunderttausende von Lesern sich dergleichen abspielen lässt. Moralinsäuerlich! Sittlichkeitsschnüffelei! Wir kennen die Reden. Aber wir müssen einmal den Mut aufbringen, das rechte Wort zu sagen, wenn von einem jüdischen Dichter in einem jüdischen Roman uns diese Dinge geboten werden. Wir können die anderen nicht hindern, die Welt mit den Produkten zu überschwemmen, die eine sittlich entartete dekadente Zeit mit lüsternemWonnegruseln schlürft. Das sind eben Jene! Wie heisst es doch beiBrod: ״Und das alles sieht dein Vater und verbietet es nicht?!״— Der Vater! der lacht, je ärger sie es treiben. — David hat für all dies Unbegreifliche ein einziges Wort: Esau! Er denkt angespannt nach. Er weiss nicht, wie ihm geschieht. Wie ist er unter Esau geraten?״ (S. 68). Ja, das ist das Wort: Esau! Besser: unser ״Eißef!“ mit jenem unnachahmlichen Tonfall gesprochen. Sie sind alle unter Esau geraten! Selbst so manche unserer hebräischen Dichter. Ja, wir sind so sehr assimiliert, dass sich gegen das in dieser Hinsicht geradezu unqualifizierhare Werk von Feuchtwanger ״Jud Süss״ kein Sturm der Entrüstung erhebt.