Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 92)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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92 Zwei Welten Weg hätte leiten können. Und das letzte sogar, der Gipfelpunkt: die Rettung der Gemeinde durch die Hingabe Monicas an den Burggrafen, wäre als Tatsache irgendwie zu verwerten gewresen, ohne dass es so mit dem Leben Reubenis verflochten zu sein brauchte. ״Aber ohne Sünde geht es nicht, es ist mir ja bewiesen worden, das Mädchen hat mit Buhlschaft die Stadt gerettet“. Aber der Renaissance-Vollmensch! Ein Glück, dass wir nicht die Szene vorgesetzt bekamen, da ein Papst mit seinem versammelten Kardinalkollegium zu Allerseelen sich jene berüchtigte Darstellung vorführen lässt, die an Schamlosigkeit nur in der römischen Kaiserzeit ihres Gleichen hat. Ueberhaupt: die Etikette als Renaissanceroman, mit der Brods Buch aufdringlich ausgeboten wird, scheint mir völlig unzutreffend. Michelangelo und Aretino werden doch nur recht äusserlieh bemüht. Treffender als Pendant vielleicht Machiavell. Und an! feinsten hier noch die Schlussszene, die die ganze Kluft aufzeigt, zwischen dem innerlich faulen Menschen und dem bei aller Verirrung im Kerne edlen Reubeni: ״Hebe ist freilich untreu geworden, aber Ganymed tut noch seinen Dienst“ (S. 365). Reubeni hat wirklich nichts von dem Renaissance־Vollmenschen an sich (wobei wir zu dieser Bezeichnung Vollmensch ein grosses Fragezeichen setzen). Mich will übrigens bedünken, dass Reubeni in der Schilderung der vielen Fasten und Gebete — denn diese sollen ja keine Heuchelei sein — arg verzeichnet ist. Nein, für den zweiten Teil wrar diese Ausspinnung der Liebesgeschichte nicht erforderlich. Reubeni brauchte für seine Aufgabe auf diesen Vf egen nicht zu reifen. Bleibt nur: den ersten Teil als Entwicklungsroman an und für sich zu werten. Wir können auf die Grundfrage, die in die letzten Tiefen wissenschaftlich-ästhetischer Untersuchung hinabgeben müsste, ob ein Kunstwerk wirklich jenseits von gut böse steht, nicht näher eingehen. Es wäre zu zeigen, dass die Ideen des Schönen, Guten und Wahren eine untrennbare Einheit bilden. Kein Kunstwerk darf gegen diese Einheit verstossen, ohne dass es von seiner Höhe, als Verkörperung des Schönen an