Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 89)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2292929-2293042-2293044--08125-2301407- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zwei Welten. S9 Natur? Warum soll das, was heute fast ausschliesslich den eigentliehen Grund des Abfalls von Väterlehre und Vätersitte ist — denn die Spekulation und der Zweifel sind in den seltensten Fällen das Primäre — nicht auch in jenen Zeiten leidenschaftliche Temperamente in ihrem Innersten erschüttert haben? Vor allem aber: Was Blau noch fraglich ist2 * * * *), hat ja Brod ausdrücklich entschieden. Wenn nicht geschichtlich David Reubeni und Salomo Molcho zusammen gehörten, man könnte meinen, dass Brod diesen als Gegenspieler erfunden, um durch ihn jene für Reubenis Leben und WTirken massgebende Theorie von dem absoluten W7ert des bösen Triebes Lüge zu strafen. Zu den ergreifendsten Partieen der Dichtung gehört jenes Gegeneinanderwirken der Beiden, die in immer höhere Sphären sich hebende Lichtgestalt Molchos, neben der Reubeni sich immer tiefer sinken fühlt als Fürst der Finsternis und Lüge. .,Bin ich nicht so weit, dass ich mir vor ihm manchmal, wie ein tollkühner Falschspieler vorkomme, sonst nichts? — Wir sündigen zu wenig, sagte ich mir einst — Und jetzt vor diesem Kinde, ich sündigte schon viel zu viel. — Aber ohne Sünde geht es ja nicht, es ist mir bewiesen wrnrden. Das Mädchen hat mit Buhlschaft die Stadt gerettet. Die Sünde Esthers, — es geht nicht anders. Aber hei Molcho — geht es ja doch! Da schmerzt es!! 0 Rätselvollstes, dass er mild, dass er im Guten zu atmen versteht — ohne jegliche Beimengung von Sünde, die mir notwendiger ist als Atemluft״ (S. 428). Und in jener nächtlichen Bekenntnisscene in den Weinbergen, die nicht nur äusserlich an Karl Moor erinnert, sein vor einem höheren Richterstuhl als falsch erfundenes Wollen, seine Verzweiflung, da er seinem Leben ins Gesicht sieht und es ihm zur Fratze verzerrt erscheint. 2) Mir scheint die ganze Verwendung der Deutung jenes Mischnah.- satzes im ersten Teil doch nicht blosses Spiel der Dialektik zu sein, mit der sieh Reubeni betäubt. Sie taucht doch in mystische Abgründe hinein, in den Gesprächen des Tor Wärters Gerson. Mir scheint auch das eine besondere Feinheit bei Brod: Halacha (denn der Mischnahsatz ist ja ein halachischer, kein agadischer) und Hagada-Kabala vereinen sich, Reubenis Sinne zu verwirren.