Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 88)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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88 Zwei Welten Zwei Weiten. Ein Nachwort zu den vorstehenden Anmerkungen Blaus. Unser in Beurteilung der modernen Dichtung so sachverständige Mitarbeiter gibt mir die willkommene Gelegenheit mich über wichtige Fragen zu äussern. Von vornherein; Meine Bewunderung für die neueste Schöpfung Brods steht der seinen nicht nach. In fast kongenialer künstlerischer Konzeption hat Blau in jener von ihm erwähnten Kritik gezeigt, wie es Brod gelungen, aus der dunklen Abenteurergestalt, deren Geschichtlichkeit im vorigen Jahrhundert noch bestritten wurde, über deren Leben und Wirksamkeit wir trotz des geschichtlich zwar sehr wertvollen, aber an sich dürftigen Reisetagebuch1) und ebenso dürftigen Berichten noch immer recht wenig wissen, eine Persönlichkeit von Fleisch und Blut zu schaffen, der wir zustimmend und ablehnend aber immer mit erregter Teilnahme auf ihrem leiddurchfurchten Wege folgen. Ja, es ist ein Meisterstück, das Brod geschaffen. Ich gehe noch weiter: ich beharre nicht mit Blau dabei, dass der Autor in der Betonung des Leitmotivs, das die Entwickelung Reubenis, beherrscht, in der Deutung des Mischnahsatzes בכל לבבך ביצר טוב וביצר הרע fehlgegriffen. Es kann keinem urteilsfähigen Leser einfalien, — das sagt ja auch Blau — dass Brod selbst etwa diese Deutung verficht. Der Gedanke ist auch nicht neu, und er hat wohl alle beeinflusst, die den Lockungen der ausserjüdischen Welt in jenen Jahrhunderten der Unterdrückung gefolgt sind. Was soll all die Pein und Qual, wenn bei den anderen die Macht und die Lust und das Glück ist. Ist jene grosse und schöne Welt nicht auch eine gottgewollte, ja die eigentlich recht von Gott gewollte, da sie ganze, ungebrochene Menschen bervorbringt, die nicht sinnen und grübeln, sondern den Naturtrieben folgen und darum eben das rechte Abbild sind der unverfälschten *) herausgegeben von E. Biberfeld: Der Reisebericht des David Reubeni, Berlin 1892.