Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1925)
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 505 (sequence 79)
- Language
- German
- Belongs to
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Aktuelle Lebensfregen usw. 505 dieses Stils und ohne die Gabe, sie in ein begründetes, adaptiertes Verhältnis zu den anderen, der Gegenwart bzw. anderen Kulturen entnommenen Elementen zu setzen. Deshalb entbehrt der Gottesdienst der Unmittelbarkeit und des adaequaten Stils, die jüdischen Schulen der ungezwungenen Originalität und bedeutender Erfolge, deshalb ist und bleibt das Wissensniveau in allen hebräischen und jüdischen Gebieten so erschreckend tief. Ueberall die geistige Genügsamkeit, die sich mit einem Minimum begnügt, wofern es sich nicht am Geld und Genuss handelt, die wohl gar ein Zuviel geistigen Strebens als verdächtig ansieht. Nicht reden will ich von dem, was jeder siebt und tadelt. Dass die Synagoge ein Tummelplatz der Eitelkeiten reicher Menschen geworden ist, weiss jeder. Ein Mensch mit Selbstbewusstsein muss geradezu Wert darauf legen, all den בבורים sich fern zu halten, um nicht mit jenen verwechselt zu werden. Nur das eine soll noch berührt werden, weil es vielleicht geeignet ist, diesen oder jenen zur Besinnung zu bringen. Wissen die Reichen, in welche Gefahren sie ihre Kinder bringen, wenn sie in falscher, fehlerhafter Liebe ihnen den Lebensweg allzu leicht gestalten? Nicht ich, die Weisheit eines Talmudweisen 8011 die Antwort darauf geben: ,אמי־ ר׳ יוחנן: משל לאדם שהיה לו בן הדחיצו וסבו והאכילו והשקהו ותלה לו ביס על צוארו והושיבו על פתח של זונות — מה יעשה אותו הבן שלא יחטא (ברכות ל־ב). Auf die Besonderheit der Psychologie des Reichtums führe ich die traurigste Entartung zurück, die in Deutschland Platz gegriffen hat: שנאת הבריות, gepaart mit Selbstgerechtigkeit. Mir wird es immer unerfindlich bleiben, dass Menschen, die durchschnittlich auf sehr massiger Stufe stehen und durchaus Sünder sind, von so sicherem Port aus, im Gefühl ihrer Unverwundbarkeit, andere tadeln und höhnen. Dem Reichtum lege ich es endlich zur Last, dass man zwar צדקה übt, aber den Sinn für die grosse Bedeutung von גמילת חסד, die im Osten so lebendig ist, völlig eingebüsst hat. Das ist ausserordentlich bedenklich, weil man zwar als Reicher von seinem Ueberschuss etwas abwirft, aber ohne Verantwortungsgefühl nicht an die Verwendung denkt; so ist das Verständnis