Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1925-11-01 · Heft 11-12 (November 1925) · p. Seite 504

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
12 (1925)
Issue
Heft 11-12 (November 1925)
Date
1925-11-01
Page
Seite 504 (sequence 78)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2292929-2293034-2293041--07999-2301281
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

504 Aktuelle' Lebensfragen usw. objektiven Bedürfnis sondern dem Tatendrang des Unbeschäftigten herstammt. Der mangelnde Heroismus in der Religiosität unserer Reichen, die fehlende Tragik ist kein sittlicher Mangel dieser Menschen, wohl aber eine Gefahr für das Judentum, das auf die Dauer nicht auf Heroismus und Tragik verzichten kann. Es sind dies nicht nur bewegende Kräfte, sondern konstituierende Faktoren. Ihr Fehlen gefährdet den wahren Charakter unserer grossen Lehre, würde aus ihr einen Bau anderen Wesens machen. Und noch eine Gefahr besteht, eine Gefahr, die nicht wie die bisher erörterte mehr weniger naturgemäss ist, sondern sich herausgebildet hat und als Tatsache gebucht werden muss: heute sind in Deutschland die Träger des überlieferten Juäentums4) zum sehr erheblichen Teil Reiche oder Vermögende (ich sehe immer davon ab, dass gegenwärtig der Besitz vieler in Frage gestellt ist.), gerade die, welchen ihr persönliches Geschick die besten Vorbedingungen der Religiosität versagt hat, sind heute ihre Paladine. Das muss alarmierend wirken. Das besagt m. E., dass zwar dieselben Gebote beobachtet, dieselben Bräuche gehütet werden wie einst, dass aber ein anderer Geist die Menschen beherrscht. Die Kritiker der Orthodoxie treffen völlig daneben, wenn sie von der Erstarrung der Formen und dgl. sprechen. Die Formen sind nicht erstarrt, auch wenn sie unverändert geblieben sind. Die Menschen sind starr geworden, weil nicht die grossen Krisen des Seelenlebens zur Frömmigkeit und zur individualisierten Gestaltung und Belebung der gegebenen Formen führen, sondern weil ein bequemes Geschlecht zwar die Grösse seines Erbgutes ahnt, aber weder Energie, noch Pathos genug besitzt, um persönlichen, höchst eigenartigen Besitz davon zu ergreifen. So ist traditionelle Lebensweise zur Gesellschaftsform der Orthodoxie geworden, aber ohne motorische Kraft, ohne den Mat zu;grossartiger, alles mit Schöpferkraft umfassender Einseitigkeit 4) Natürlich gilt nicht die Umkelirung des Satzes, dass etwa die Reichen vorwiegend orthodox seien, ebensowenig stelle ich in Abrede, dass zahlreiche Orthodoxe arm sind. Aber ihre Geltung ist gering.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.