Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1925)
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 503 (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Aktuelle Leben>frage1t usw. 503 transformiert sich dieses Wunschstreben und verschmäht den Erwerb der fehlenden materiellen Güter. Der Mensch erkennt die begrenzte Bedeutung dieser vergänglichen Dinge und erstrebt ewige Werte, die er auf den Gebieten des geistigen Besitzes, des sozialen Schaffens, der religiösen Hingabe vorfindet. Es gibt wohl kaum eine bessere Apologie der Not und des Leides in der Welt als die Zeugungskraft, die von ihnen ausgeht. Diese will den Ausgangspunkt überwinden und tut es auch, nicht aber im Sinne des Ausgleichs auf derselben Ebene sondern in der Gewinnung eines Vermögens (im ursprünglichen Sinn), das eine Sinnesänderung herbeiführt, die die materielle Not völlig ignoriert und ihr den Stachel raubt. Diesem typischen Erlebnis des Armen hat der Reiche nichts Entsprechendes an die Seite zu setzen. Wohl gibt es auch bei ihm Schicksalsschläge, die ihn entscheidend beeinflussen. Tod, Krankheit, Verluste können Sinnesänderungen hervorrufen, Wendepunkte werden. Aber hier ist kein Schicksal der Klasse, kein dauerndes Unglück. Das gesättigte Herz dankt Gott — das ist nicht unedel. Wenn aber der hungrig von der Tafel Aufstehende Gott preist, dann ist er eia Ueberwinder, dann liegt in seinem Gebet kein Dank sondern eine Anerkennung der Welt- Ordnung, deren Opfer er ist. Nicht gar so schroff ist der Unterschied in dem mehr intellektualistisch gefärbten Gebiet der religiösen Philosophie. Nichts hindert den Reichen ebenso tief zu grübeln, ebenso schwer mit den Problemen zu ringen, ja er kann es sachlicher und mit viel mehr רחבת הדעת tun. Aber er entgeht nicht immer dem Verdacht und der Versuchung, geistige Interessen zur Ausfüllung seiner Müsse zu pflegen. Oft unterläuft da eine nur zur Schau gestellte Liebhaberei. Jedenfalls ist der Arme, wenn er sich der Wissenschaft und religionsphilosophischem Denken hingibt, über diesen Verdacht erhaben. Ihm gestattet sein Geschick nicht zu posieren und Interessen zu heucheln, die nicht zutiefst vorhanden sind. Immer wird er davor geschützt sein, dass sein Bemühen zur Virtuosität, zum Spiel entartet, das nicht aus dem