Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1925)
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 500 (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
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500 Aktuelle Lebensfragen usw. Polen, Litauen etc. sich viel mehr auf die kleinbürgerlichen und besitzlosen Kreise stützen, jedenfalls seit der grossen kulturellen, später sozialen und zuletzt politischen Reyolutionierung. Sicherlich haben die Verhältnisse die Entfremdung herbeigeführt, waren also die Rabbiner passiv bei dieser Loslosung von der engen Verbundenheit mit den גבירים, aber mir ist es fraglos, dass sie bewusst und aktiv den Anschluss an die anderen, die bescheidenen und die armen Menschen, gesucht haben. Es ist nur zum geringsten Teil Schuld der Rabbanim, dass sie ohne Kontakt mit den sozialistischen Arbeitern etc. geblieben sind. Der Reichtum bringt es fast zwangsläufig mit sich, dass er die Menschen, die ihm hörig sind, ausserordentlich im Irdisehen verankert. Wohlleben, Luxus und die Mehrung von Hab und Gut wird zum Bedürfnis, weit über das Mass eines behaglichen Lebens hinaus. Man will den Besitz festigen, vermehren und verewigen. Auch die Nachkommen Rollen ohne Verdienst sich der Vorzüge erfreuen, die das Geld erkauft. Hierdurch und infolge des Versuches, mit möglichst geringem Sold die in ihrem Dienste befindlichen Menschen abzufinden, ergibt sich allzuoft ein unsoziales Verhalten gegenüber den minder Bemittelten. Das wiederum wird zur Quelle sozialen Unfriedens und stört in einer Gemeinschaft, die gleichmässig national und religiös ist, die Eintracht der Teile. Eine zentrale Stellung kann bei Menschen, für die Reichtum eine unerlässliche Vorbedingung des Wohlbefindens ist, die Frömmigkeit gar nicht einnehmen. Mit dieser Feststellung ist bereits entschieden, dass es gegen das Lebensinteresse der Religion verstösst, ihr Schicksal mit den Reichen zu verbinden. Es widerstrebt der Rolle der Religion, sich in eine solche Abhängigkeit zu begeben. Damit soll der Charakter der Religiosität Reicher nicht einmal verdächtigt werden. Sie kann ganz echt sein; sie ist aber nicht der Kern und das primum movens. Fraglos gibt es auch in anderen Kreisen neben der Religion andere treibende Kräfte: Wissenschaft, Kunst, politische und soziale Energien. Sie alle aber lassen es nicht als unmöglich erscheinen, dass die Religion zum bestimmenden Lebensprinzip