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Jeschurun · 1925-11-01 · Heft 11-12 (November 1925) · p. Seite 499

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
12 (1925)
Issue
Heft 11-12 (November 1925)
Date
1925-11-01
Page
Seite 499 (sequence 73)
Language
German
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Aktuelle Lebenstragen usw. 499 vorhanden waren und zwar in der Seele der schlichten Masse. Und selbst die letzte grössere wurzelhafte religiöse Bewegung» die der Musserniks in Litauen, schöpfte aus der Demut und Bescheidenheit des Lebenswandels ihre Kräfte und suchte das Herz der Empfänglichen von den eitlen Freuden abzuwenden. Wichtiger aber als der Umstand, dass die Armut der Nährboden der Grossen und des Grossen ist, ist für diese Betrachtung das kritische Ergebnis einer Analyse der Mentalität der Reichen und ihres Verhältnisses zur Religion. — Wir bleiben bei unseremLand, wo uns allen die Verhältnisse vertraut und die Bedingungen zum Studium dieses soziologischen Problems am einwandfreiesten sind.. Man kann, ohne sich allzugrosser Uebertreibung schuldig zu machen, sagen, die deutsche Orthodoxie, die nach Einfluss und zahlenmässig in Deutschland das historische Judentum am ehesten fortsetzt und ganz diesen Anspruch erhebt, ii t vorwiegend ein saturiertes, vermögendes Bürgertum; das trifft gewiss zu, wenn man an die grossstädtische Orthodoxie denkt. (Von der gegenwärtigen sehr ernsten Krise sehe ich ab.) Wozu hat diese Sachlage geführt? Ich beginne mit den kleineren Schönheitsfehlern, um allmählich zu den ernsten Symptomen zu kommen. Zunächst hat sich die der deutschen Judenheit schon lange anhaftende Entfremdung und Isolierung von den übrigen Teilen des jüdischen Volkskörpers noch weiter gesteigert: vielfach sind die Gesellschaftskreise durch die Tatsache des Besitzes noch weiter zersplittert worden. Die Plutokratie ist die höchste Gesei:schaftstufe, sie ist exklusiv, sie herrscht, da Demokratie in den orthodoxen Gemeinden nicht allzuviel gilt, in Gemeinde und Synagoge, sie stipuliert nach ihren Bedürfnissen, was orthodox zulässig ist, sie zwingt auch Rabbiner, selbst solche, die eine höhere Auffassung von ihrer Sendung haben, in ihren Bann; nicht wenige neigen von vornherein zu den potenten Kreisen. Eine traurige Erscheinung, die aber fast überall gesetzmässig aufzutreten pflegt, wo Kirche und Besitz die Bedeutung einer Bundesgenossenschaft zwecks Erhaltung des Bewährten erkennen. Es dürfte als Gegenstück nicht uninteressant sein, dass die Rabbiner im alten Russland, also im heutigen

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