Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1925)
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 495 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Aktuelle Lebens tragen usw. 4S5 Erwägungen geworfen und Leidenschaft und Parteilichkeit au die Stelle sachlicher Einsicht gesetzt. Ich meine nun, dass wieder einmal die Zeit gekommen ist, soziale und ethische Probleme, die das Leben beherrschen, aus allgemeinen Gesichtspunkten zu behandeln und zu werten und zu versuchen, dabei an den Geist jüdischer Ueberlieferung anzuknüpfen. Nur das kann damit gemeint sein, dass ich jüdischer Tradition nicht zuwider urteilen will. Es würd natürlich nicht angestiebt, mit den nachfolgenden Ausführungen in restlosem Einklang mit der gültigen jüdischen Ansicht zu stehen. Das ist, von allem anderen abgesehen, schon deshalb unmöglich, weil die Kritik der Moral und sozialen Struktur einer Epoche immer neuen Verhältnissen geg nübersteht und freilich mit altem Maßstab neue Situationen werten kann, aber doch aus dem Neuartigen auch neue Kriterien erst gewinnt Die Normen bleiben, aber die Moral als ethische Praxis — und entsprechend liegen die Dinge im Sozialen — wird von Epoche zu Epoche reicher an Zügen und Erscheinungsformen ebenso wie die Geschichte im Fortschritt des Geschehens. Wir als die menschlichen Gestalter der Ethik und Geschichtswissenschaft können den Zuwachs an Geschehen und Einsicht nicht ignorieren, sondern müssen ihn, über die Registrierung des Tatsächlichen hinaus, Einfluss auf die Theorie, auf die Ethik als Zweig der Philosophie, auf die Geschichtsp hilosopkie und ebenso auf die Soziologie gewinnen lassen, selbst wenn wir, als Wahrer jüdischer Tradition, die Unvergänglichkeit der Ueberlieferung anerkennen. Im Gegensatz zu einigen früheren Versuchen möchte ich in den folgenden Beiträgen den Boden der Wirklichkeit mögliehst wenig verlassen. Es ist das schone Vorrecht der Jugend, unerreichbaren Zielen nicht nur Dachzujagen — das tun wir Aelteren vielleicht auch noch — sondern sie auch für nahe und erreichbar zu haken. Unsere Gegenwart ist für Utopien weniger geschaffen als der Rausch der Kriegs- und Revolutionszeit. In dem Stirnmengewirr der Fanatiker aller Richtungen hat die Stimme, die moralische und soziale Gesundung verkünden will, nur Aussicht gehört zu werden, wenn sie sich als Stimme der Vernunft gibt. Vor