Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1925-11-01 · Heft 11-12 (November 1925) · p. Seite 481

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
12 (1925)
Issue
Heft 11-12 (November 1925)
Date
1925-11-01
Page
Seite 481 (sequence 55)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2292929-2293034-2293041--07976-2301258
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Vom Tanz 481 Die älteren, beherrschteren nennt Fuchs: in stilisierte Rhythmik übersetzte Erotik.“ Selbst auf den harmlosen Walzer dehnt er dies Urteil aus. Schon der Umstand, dass diese Tänze alle, eingeschlechtig getanzt, sinnlos und reizlos werden, bestärkt das Urteil dieses vielleicht gründlichsten modernen Forschers der Sittengeschichte. Blicke und Gebaren der Tanzenden geben oft untrügliche Beweise. Es wäre auch widernatürlich, wenn an normalen Menschen diese ״stilisierte Form des gegenseitigen Werbens“ spurlos vorüberginge. Immer schon galt der Satz: .״ כל המתביש לא במהרה הוא חוטא, נדרים בSchamhaftigkeit ist der beste Hüter.a Bei den mo dernsten Gesellschaftstänzen kann man ruhig mit Fuchs und anderen gehen, dass sie grossenteils ״die geschlechtliche Erfüllung selbst bedeuten.“ Mit dem psychischen Momente des ״Sichauslebens“ ist ja die Lustempfindung beim Tanzen nicht erschöpft. Die rasche und heftige Bewegung erzeugt im Gehirn Blutdruckveränderungen, die zu hemmungslösenden Rausch- und Taumelzuständen füfiren und der Gefühlssphäre das Uebergewicht über das Verstandesleben verleihen. (Sich ״warm“ tanzen. Aehnliches bei dem oft leidenschaftlich betriebenen Schiffschaukeln, Karusselfahren. Tanz der Fakire vor der ekstatischen Anästhesie. Gebetsbewegung). Ich weiss wohl, dass es ethisch hochstehende Menschen gibt, denen es trotz ihrer noch normalen Veranlagung gelingen kann, sich beim Gesellschaftstanz, der vom sogenannten ״guten Ton“ ja häufig gefordert wird, rein zu erhalten. Aber dieser Sieg kann sie teuer zu stehen kommen. Was im Nervensystem allgemein gilt, ist hier im Speziellen unerbittliches Gesetz: Ich kann nicht denselben Nerv stumpfen für den ungewollten Reiz und gleichzeitig schärfen für den gleichartigen gewollten. (In der Arbeit am Amboss feuergehärtete Hände können kein Kinderbad temperieren.) Das Resultat für unseren Fall ist klar. Die Stumpfheit gegen ungewollten Reiz (beim Tanz), die bei normalen Verhältnissen nur mit grossem Energieaufwand dauernd erkämpfbar ist, bedeutet auch hier eine Abstumpfung der Erregbarkeit gemeinhin. Künstliche, aber nur scheinbare

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.