Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1925)
- Date
- 1925-09-01
- Page
- Seite 372 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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372 Jüdische Kulturromane usw. nicht mehr, besuchen nur mehr neumodische Synagogen — eine Metamorphose hat sich vollzogen: ״le maigre Juif sau vage semble, par miracle de la baguette d’Aaron (Aronsstab), devenu gras, surnourri, obese (fettleibig), correct et bien vetu“ (p. 42). Nach dieser Musterschilderung wären alle polnischen Emporkömmlinge jüdischer Abstammung dick, überfüttert, fettbäuchig usw. — und die armen abgemagerten ungarischen Magnaten alles Ritter von der traurigen Gestalt! Und was taten die Juden zum Dank für das beispiellose Entgegenkommen und die ihnen gewährte Gastfreundschaft? Gewiss, der Verfasser gibt zu: ״En moins de cinquante ans, ces gens de la maison Orczi ont transformö Budapest“ (p. 42). Sie haben aus dem Bürger- und Landstädtchen Budapest eine weltberühmte Hauptstadt gemacht, deren Bauten nicht gerade durch Stilechtheit und Einheit sich auszeichneten, die aber durch äussere Prachtentfaltung hervorragend sind und dem kritiklosen Auge des Magyaren als etwas unvergleichlich Herrliches und Grossartiges erschienen. Den Juden verdankt, auch dieses leugnet Verfasser nicht, das Land in der Hauptsache seinen jungen Aufschwung in Handel und Industrie und sein europäisches Ansehen der Vorkriegszeit. Auch erkennt der Verfasser an, dass die Juden ״se montraient plus Hongrois que les Hongrois eux-memes, prenant leur langue, leurs fagons, leurs sentiments, leur patriotisme aussi, avec cette ardeur excessive qu’ils apportent en toute chose“ (p. 43). Sie waren die Anreger, die Unruhe in dem trägen Blutkreislauf des ungarischen Herren- und Bauern- Volks. Aber — und nun kommt der Pferdefuss — dieses gute Einvernehmen war nur Schein, begünstigt durch die geschickte Wandlungsfähigkeit des Juden und die Illusionen zuneigende Natur des Magyaren. Das fürchterliche Erwachen sollte kommen. Der Weltkrieg kam, und mit ihm das Verhängnis für Ungarn. Als in den Novembertagen 1918 die letzten Tage für Ungarn hereingebrochen zu sein schienen und die zurückkehrenden meuternden Truppen in Budapest die Revolution ausriefen, da war eine ihrer ersten Taten, den besten, treusten Patrioten Ungarns, den Grafen Stefan Tisza unter Anführung