Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1925)
- Date
- 1925-09-01
- Page
- Seite 366 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische KulturromaDe usw. 366 frommen Seelen sich ihren Gebetübuägen und bräuchlicben Fröhlichkeilsgelagen hin, und das Gottesländchen versinkt wieder wie zuvor in seine gotterfüllte Sorglosigkeit, denn der Zadik wacht. — Wir sehen, es ist ein echter Lustspielstoff, dessen Komik durch den blutdrobenden, düstern Hintergrund noch erhöht und gewürzt wird. Elemente des Komischen mischen sich wirksam in die ernsthaften Situationen und Charaktere. So muss Leibele, der ehemalige Soldat des Zaren, den alle sonst wTegen seines ehemals sündhaften Lebenswandels unt*r den Gojim geringgeachtet haben, jetzt als einziger Kenner des Soldatenlebens am heiligen Jomtow mit Erlaubnis des Zadik nach dem benachbarten Städtchen reiten, um mit den Kosaken zu verhandeln; er verliert natürlich bald seine Glorie, nachdem die Truppen abgezogen sind. Ein Meisterstück der Stimmungskunst (eigentlich zu schade für den nachfolgenden burlesken Hauptteil) ist das einleitende Kapitel: Gott der Allmächtige sieht vom Himmel herab auf Galizien und sein Volk Israel; Israel ein altersschwacher, verfallener Baum, verachtet, ohne Saft und Triebkräfte, ein Volk von Luftmenschen, deren einziges Tagesgeschäft ist, vom Marktplatz nach der Synagoge, vom Beth-Hamidrasch nach dem Marktplatz zu wandern, einem magern Profit nachzujagen, espengleich zitternd vor jedem fallenden Baumblatt und vor jedem Hundegebell, jedem drohenden Cbristenblick scheu ausweichend — da entsendet der Ewige in seiner Huld den Retter in der Person des Baal Schern Tow, den grossen Zaubermeister, der diese verstaubten Seelen wieder zum Leben erweckt und sie überirdische Extasen, höchsten Gottes- und Gebetrausch kennen lehrt. Dieser Wundermann wandelte ihren Daseinsinhalt, gab ihrem ruhelosen Betätigungstrieb ein neues Feld: Das Beten, jenes rhytmische, tanzende, rasende Chassidimgebet, gab ihrem Denken neue Schwingen: Den So har, das Buch des Glanzes, dieses unergründliche Zauberbuch, bei dessen Erforschung sie alle übermenschlichen Wonnen durchkosten, Schauer des Himmels und Schauder der Unterwelten. Da öffneten sich für jene Kaftanjuden Welten voll Geheimkammern, ungeahnte Gefühls-