Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1925)
- Date
- 1925-09-01
- Page
- Seite 343 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Leben, Natur, Religion 343 kälteren Zimmers ein Ausgleich bewirkt wird, wonach in jedem der beiden Raumteile dieselbe Durchschnittsgeschwindigkeit (und daher nach dem Obigen auch die nämliche Temperatur) herrscht. Dieser Ausgleich ist ein nicht sicheres, sondern wahrscheinliches Ergebnis; die (sehr genau berechenbare) Wahrscheinlichkeit ist aber so überwältigend gross, dass man während unvorstellbar grosser Zeiträume, die über Millionen von Jahren noch unermesslich hinausgehen, immer, wieder denselben Vorgang beobachten müsste, um mit nennenswerter Wahrscheinlichkeit eine einigermassen erhebliche Abweichung von dem beschriebenen Temperaturausgleich erwarten zu könneD. Umgekehrt ist, sobald dieser Ausgleich erreicht ist, eine erhebliche Abweichung von ihm nicht mehr zu erwarten, ganz gewiss nicht eine Ansammlung von (durchschnittlich) schnelleren Molekülen in dem einen Raumteil unter Zurücklassung der langsameren im anderen: der Uebergang der Wärme vom wärmeren Körper auf den kälteren ist demnach ein irreversibler Vorgang, obgleich die Bewegung jedes einzelnen Moleküls selbstverständlich reversibel ist. Der Leser, der einmal vom Entropiesatz (zweiten Hauptsatz der Wärmelehre) gehört hat, wird sich hier an eine unmittelbare Konsequenz dieser Auffassung erinnern, die ein fundamentales Naturgesetz darstellt: von selbst bildet sich unter allen mit dem Gesetz der Erhaltung der Energie verträglichen Zuständen immer nur der wahrscheinlichste Zustand heraus, und dabei verwandelt sich kinetische Energie (geordnete Bewegungsenergie) mehr und mehr in ungeordnete Bewegungsenergie, d. h. in Wärmeenergie, und zwar in solche von immer niedrigeren Temperaturen. Es besteht eine Tendenz zu stetem Verlust an geordneten Energien zugunsten der Wärmeenergie; man spricht vom „Wärmetod* der Welt. Sehr voreiligerweise freilich; denn schon aus dem Charakter unserer Wahrscheinlichkeitsbetrachtung erhellt, dass sie zwar mit überwältigender Präzision für abgeschlossene Systeme und begrenzte Zeiten, nicht aber für das unbegrenzte Weltall und eine