Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1925)
- Date
- 1925-07-01
- Page
- Seite 329 (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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Die religiöse Tat 329 Teil der Erziehung iiberstanden. Doch der Kampf ist nicht zu Ende. Denn wenn auch die Einstellung zur einseitigen Bevorzugung des eigenen Willens aufgehoben ist, so wirkt er doch noch weiter, jetzt in derselben Intensität wie der Wille des Sichunterwerfens (oder des Sichunterwerfen־Mü3sens) unter einen höheren Willen. Beide halten sich die Wrage. Was ist das Zünglein, was gibt den Ausschlag? Die anderen drei im Menschen wirkenden Kräfte: Leib, Verstand, Gefühl. Diese sind jetzt für den höheren Willen zu gewinnen. Jetzt heisst es aber: Nicht Kräfte töten, sondern Kräfte befreien (wecken, leiten). Jetzt gilt das tiefe Wort Nietzsches: Der Erzieher ist der Befreier. 11. Wie steht nun das jüdische Religionsgesetz zu diesen wichtigen Tatsachen pädagogischer Natur? Verwirklicht es sie in sich selbst? Niemand, der sich mit dem tieferen Wesen des Judentums beschäftigt, kann an der Frage vorübergehen: Vermag eine Religion ihren Bekennern wirklich wahre innere religiöse Werte vermitteln, wenn sie an seine Bekenner mit einem starken Zwange herantritt wie das Judentum? Dem Geschlecht der Sinaioffenbarung wäre das Gesetz mit Gewalt auferlegt worden, hätte es sich nicht freiwillig zur Annahme entschlossen12): .. . כפה הקב״ה עליהם את ההר כגיגית ואמר להם אם אתם מקבלין התורה מוטב ואס לאו שם תהא קבורתכם (Sabbat 88a). Solange es eine selbständige jüdische Volkseinheit mit eigener souveräner Gerichtsbarkeit gab, wurde die Uebertretung einer religiösen Vorschrift bestraft, sofern der Täter unmittelbar vor seiner Tat durch Verwarnung von der Schwere seiner Vergehung und der damit verbundenen Bestrafung 12) In dem im Text nun folgenden Zitat ist n. E. nicht ausgedrückt, Israel habe das Gesetz nicht freiwillig auf sich genommen, denn das würde anderen Midraschim widersprechen, sondern nur: Gott hätte Gewalt angewandt, wenn Israel sich geweigert hätte.