Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1925)
- Date
- 1925-07-01
- Page
- Seite 308 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Kulturromane usw. 303 Ein Beispiel: Es scheint für die Gebrüder Tharaud eine ausgemachte Tatsache, dass die jüdischen Ehen in Galizien ohne Liebe geschlossen werden und ohne Liebe fortbestehen. Ihr Urteil darüber sieht so aus: 0״ wunderbares Volk Israel, das du in deinen seltsamen Jargon so viele Sprachen, so viele Gefühle, so viele Begriffe gemengt und ein einziges Wort vergessen hast, das Wort, das du überall hättest finden können, im Orient, in Deutschland, Polen, Spanien, und sogar in deinen heiligen Büchern, das Wort, das Liebe bedeutet und das du als unnütz in deinem Herzen ausgelöscht״! Zu diesem pathetischen Herzenserguss fühlen die Verfasser sich veranlasst, weil Hertz Wolff, der Soferssohn, weltfremd, menschenscheu, frisch von Gemoroh und Bes-Hamidrasch weggeholt, bei seiner Verlobung für seine Braut keinen Blick übrig hat. Dass eine solch scheinbare Teilnahmslosigkeit eines blutjungen Bachurs nur Schüchternheit und Aengstlichkeit sein mag, keineswegs aber Lustlosigkeit und Liebesunfähigkeit zu sein braucht, dies hätte den Verfassern jeder Kenner der windschiefen Psyche solch einsamer Talmudjünger sagen können. (Man denke nur an die Liebesseligkeit und glutvolle Verbundenheit des Bachurs in Anskis ״Der Dibbuk״!) Es zeigt sich, dass die Brüder Tharaud eben mehr virtuose Beobachter äusserer Geschehnisse sind, sobald es sich aber um fremdes Volkstum handelt, versagen sie als echte Volkspsychologen, als Kenner der jüdischen Massenpsyche. (Dies wird sich in den späteren Bänden noch deutlicher zeigen.) Ueberhaupt laufen den Verfassern auch schon hier manche seitsame Irrtümer unter, die ihre Vorurteilslosigkeit verdächtig erscheinen lassen. (Vgl. S. 36, wo Reb Amram, an einem Kreuze vorbeigehend, ausspuckt und vor sich hinmurmelt: ״Verflucht seist du, der du eine neue Religion gegründet“! Dieser Ausruf ist freie Erfindung der Autoren, was auch die Uebersetzerin in einer Fussnote anmerkt. Man vgl. auch die gehässige und auffallende Meinung über die Geschäftspraktiken der galizischen Juden S. 28f., die auf die Allgemeinheit wohl kaum zutreffen dürfte; auf weitere kleinere sachliche Irrtümer einzugehen ist hier nicht die geeignete Stelle.)