Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1925)
- Date
- 1925-07-01
- Page
- Seite 307 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2292929-2293034-2293039--07756-2301038- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdische Kulturromane usw. 307 haften Heiligkeitsscheia umkleidet und aus dem Gewöhnlichen herausgehoben. — Und über all die Kleinlichkeit ihrer Lebens- Sphäre hilft ihnen ihre Selbstironie und ewig wache Spottsucht hinweg, ihre Feinschmeckerei an Wortspielen, an jenen Witzen, die ״dann aus jenen verlorenen Dörfern hinausgelangen in die weite Welt, und worüber draussen in der Ferne, in manchen elenden Dachstübchen und prunkenden Palästen ein Jude im Exil in ein lautes, herzliches Lachen ausbricht״ (S. 167). Welche raffinierte Beobachtung der geheimsten Gewohnheiten und Bräuche der galizisehen Juden die Verfasser besitzen, wie sie ein Studium daraus gemacht und ihre Beobachtungen zu einem Mosaik scharfgesehener Charakterköpfe verwerten, das lässt sich aus jeden paar Seiten des Buches erweisen. Dennoch aber — gerade diese Charakterstudien der Nebenpersonen hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack beim jüdischen Leser, und schon dieser Teil des Romanwerks lässt in uns dämmernde Bedenken aufsteigen: Hier ist nicht ,אהבת מרדכי, hier ist nicht die Liebe zum jüdischen Volksstamm am Werke. (Leider wird diese Befürchtung durch den 4. Band des Romans nur zu sehr bestätigt.) Schon in diesem Bande macht man die Beobachtung: Die Verfasser möchten gar zu sehr skeptisch-ironisch über der Situation bleiben, ihre ״wissenschaftliche“ Objektivität guckt gar zu beabsiehtigt aus allen Ritzen, dies ist ein echt gallisch rationalistischer Zug, der durchs ganze Buch geht. Die Verfasser lassen sich von der Glut des religiösen Erlebnisses nirgends tragen, sie streuen vielmehr ihr attisches Salz in jede Situation hinein. Dem französischen Wesen ist eben jeder Hang zum Mystizismus fremd. Daher erklären sich, trotz mancher Sympathie-Erklärung, die nicht seltenen ironischen Bemerkungen auch in diesem, der schwärmerischen Gläubigkeit gewidmeten Werke (man vgl. die Bemerkung über die מציצה bei der Beschneidung S. 127, oder über das Abschneiden des Haares bei der Hochzeit S. 109 u. a. v. a. 0.). Manchmal treiben die Verfasser ihren Kritizismus bis zu einem Grade der Lieblosigkeit und Verständnislosigkeit, der schon Urteilslosigkeit genannt werden muss.