Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1925)
- Date
- 1925-07-01
- Page
- Seite 306 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Kulturromane usw. 306 Wir glauben, kein Leser wird diese jüdische Kindertragödie ohne tiefe Ergriffenheit lesen. Es ist ein Meisterstück, wie hier das langsame Verbluten einer jüdischen Kinderseele mit intimster Seelenkenntnis, mit feinstem Pastellstift gezeichnet ist. Keiner, der als jüdischer Knabe in einer katholischen Gegend aufgewachsen ist, wird behaupten, dass hier auch nur ein Strich übertrieben oder lebensunwahr ist. Süsse Schönheit und eine gewisse Herbigkeit liegt in den Zügen dieses Judenknabeo, asketische Schwermut umschattet schon seine frühreife Jugend, die Wunder der Natur locken ihn nicht, die ragenden Berggipfel der Karpathen sind ihm nur Orte des Schreckens und der Nebelschatten, er wird wissend schon im zartesten Kindesalter, Naivität der Jugend ist ihm versagt. Nur in sich selbst, da baut er sich eine Welt auf, phantastisch, ahnungsschwer, zumeist von Schreckgebilden bevölkert. Nur die Festtage, die Sabbattage sind die einzigen Licht- Spender — und wie ein Judenkind auf dem Dorfe sich von einem Sabbat auf den andern freut, so freut sich kein Stadtknabe und kein Erwachsener, er sei noch 80 gläubig, auf seinen Ruhetag. — Prachtvoll ist es nun, zu beobachten, wie in diesem Buche das langsame Erwachen und Wachsen der Kindesseele bis zu ihrer Entfaltung gezeichnet ist. Dieser Junge kennt nicht die äusseren Freuden der Jugend — umsomehr zieht er sich in sich selbst zurück, seine Eltern und die wenigen Glaubensbrüder des Dorfes sind seine Welt, für diese lebt er, für diese gibt er auch sein junges Leben hin: er verschreibt sein Leben Gott, um das des geliebten Grossvaters zu retten. Und dieser Grossvater Reb Elje der Sofer, er ist des Opfers würdig, er ist ein heiliges Gefäss im Dienste des Allewigen, vom reinsten Tun und Wollen, eine Lichtgestalt, ohne Pathetik und ohne Absichtlichkeit gezeichnet. Auch alle übrigen Gestalten entbehren nicht eines gewissen romantischen Schimmers; ihr Leben, so poesie- und ereignisarm im äussern Verlauf, wird durch seine Geistigkeit und seinen Glaubenshunger, durch das häufige Festefeiern und gemeinsame Erleben von einem gewissen legenden-