Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1925)
- Date
- 1925-07-01
- Page
- Seite 302 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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302 Jüdische Kulturromane u8w. keine feierliche Zeremonie westeuropäischer Synagogen, das ist eine orkanartige Entladung losgelassener Menschenmassen, die ihr Sündenbekenntnis hera usschreien, Erdentrückte, die stampfend, stammelnd, fäusteschwingend, anklagend und reuebesessen ihre Sünden herzählen und zum Schluss wie zu Staub zertreten niedersinken. Die hundertundfünfzig Psalmenkapitel nach Kol-Nidre werden rezitiert ״erst mit weinerlicher Stimme, die sich gleich einem Seufzer tief im Bet-Raume verlor, dann sich zu einem stürmischen Geheul erhob, das sich auf diese Seufzer zu werfen schien, um sie zu erwürgen. “ Die ganze Nacht wird im Bess-Hamidrasch so zugebracht, bis vom nächsten Morgen bis Abend erneutes Schluchzen und Beten die Lüfte durchschüttert. Bis dann die sinkende Sonne das milde Neiia- Gebet und den erlösenden Schaufarton bringt. Am nächsten Tag bricht Reb Amram mit dem neuerworbenen Schwiegersohn in die Heimat auf. 4. Bild: Der Kelch zerspringt. In Hunfalu wird bald danach die Hochzeit zwischen der schwarzäugigen Gitele, der Tochter Reb Amrams und dem Bochur Hertz Wolff vom ganzen Oertchen mit altem Zeremoniell gefeiert: Ein Kelch wird unter der Chuppe zerbrochen, Gitele schneidet ihr reiches Haar draussen auf dem Hofe ab und setzt die schw arze Perücke auf, während drinnen die Gäste beim Hochzeitsmahl dem scharfsinnigen Pilpul des jungen Ehegemahls lauschen. 5. Bild: Die Gaben des Ewigen. Jahrelang bleibt die Ehe von Hertz Wolff kinderlos, bis die Tora aus Bel& ankommt und ihre Einweihung im Hause Reb Amrams stattfindet. In dieser Weihenacht empfängt Gitele ihren Erben, sie hört in der Stille der Nacht das Rauschen der Silberglöcklein und sieht das Flimmern der Torabuchstaben und des Silbermäntelchens. 6. Bild: Ein Knäblein wird geboren. Rüben wird der Neugeborene genannt. Er wächst heran, unbekümmert um die Natur und Gebirgsherrlichkeit ringsum, nur dem ״Lernen* und Bes-Hamidrasch gewidmet. Die ganze Aussenwelt umgibt ihn feindlich drohend, da draussen lauert das Schrecknis, die