Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- Seite 257 (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Bücherbesprechungen 257 Josef Popper Lynkeu*. Ueber Religion. Im Aufträge seines Yerfassers aus seinem literarischen Nachlasse heransgegeben von Margit Löwenstein. R. Löwit, Verlag Wien und Leipzig 1924. Ein bitterböses Buch. Was über die Religion an schlechtem zu sagen ist, hier ist es zusammengetragen. Die Herausgeberin sagt: Josef Popper tritt im grossen Kampfe gegen Religion als dritter an die Seite von Pierre Bayle und Voltaire. Das ist eine völlig unzureichende Zusammenstellung. Bayle und Voltaire. Bayle ist einer der ersten grossen Verkünder der Toleranz. Er hatte genug durch die Verfolgungen, die die Aufhebung des Edikts von Nantes hervorgerufen, gelitten und man kann es verstehen, wenn sich ihm die Anklage entringt: ״Was soll man bei derartigen Gewalttätigkeiten vom Christentum urteilen? Muss man nicht meinen, dass es eine blutdürstige Religion sei, die um ihren Gewissenszwang voll ins Werk zu setzen, selbst nicht Lug und Trug, nicht falsche Eide, Dragonaden, Henker und Inquisitionen scheut“? Er zeigt den Widerspruch aut sittlichem Gebiet, wenn biblische Charaktere nach der Vernunft zu tadeln und man nnter Heiden oft untadelhafte Grösse anerkennen mus3. Aber er bleibt bei all seinen Einwendungen doch im Grunde seines Herzens gläubig! Und erst Voltaire! Sein Ecrasez linfäme richtet sich gegen die Justizmorde, die von den Jesuiten an den Calas, Sirven, de la Bailli vollbracht oder versucht wurden, aber diesen grossen Deisten (vgl. darüber meinen Aufsatz ״Die Aufklärung“ Jeschurun VIII S. 5f.) als Kämpfer gegen die Religion katexochen anzusprechen, ist ein starkes Stück. Und das ist das, was das Buch von Popper uns nicht nur als unsympathisch empfinden, sondern als unzureichend ansehen lässt, dass er eben so wenig von Bayle und Voltaire an sich hat. Freilich, freilich, es ist ein langes Sündenregister, das Popper hier den Religionen vorhält. Wenig tragisch zu nehmen ist das Material, das er gegen die Berechtigung des Glaubens an sich ins Gefecht führt. All’ die Argumente, die er gegen die Wahrheit der religiösen Dogmen vorbringt, sind 80 oft von Skeptikern, Aufklärern, Rationalisten, Materialisten vorgebracht worden, dass das nicht allznschwer wiegt. Und ebensowenig bringt die Fülle der Beispiele Neues, die er aus den philosophischen Systemen, aus den Werken grosser Denker und Forscher und vor allem Theologen dafür beibringt, dass alles folgerichtige Denken, alles zu Ende denken in dem Augenblicke Schiifbrueh leidet, wo es gilt die Gottes Vorstellung konsequenter Weise auszuscbalten. Nach der Richtung ist wirklich in den dreihundert Jahren, die seit den Anfängen des Deismus verflossen sind, schon viel Besseres gesagt worden. Zu leugnen ist freilich nicht, dass der Vf. es versteht durch die Fülle und die lose Aneinanderreihung der Zitate stärkere Wirkung zu erzielen als manche umfangreichen Werke, wie wir solche etwa in Lecky’s ״Geschichte der Aufklärung“ besitzen. Diese Zitate sind oft mit raffiniertem Geschick gewählt wie etwa das Wort Voltaire’s: ״Schwärmer begründen die Religion, Betrüger halten sie aufrecht und Dummköpfe nehmen sie an״ oder von