Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- Seite 250 (sequence 80)
- Language
- German
- Belongs to
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210 Philosophie der Gegenwart befriedigt die fundamentalen Bedürfnisse des modernen Geistes. Gott wird in dieser ,Lehre als Ueber-Bewusstsein und als überpersönliche Idee dargestellt, eine Auffassung, die in besserer Weise als das Unbewusste die Richtung bezeichnet, in der die Steigerung des höchsten Wesens gegenüber den endlichen zum Ausdruck gelangt. H ö f f d i n g geht in seiner Religionsphilosophie andere Wege. Es geht ihm weniger um die systematische Stellung und die metaphysische Bedeutung der Religion, als vielmehr um erkenntnistheoretische, psychologische etc. Erwägungen. Zu jenen gehört die Analyse der religiösen Grundbegriffe; die Religion spricht eine Bildersprache, die zwischen Bild und Gedanken keinen Unterschied macht. Der Religion, die historisch vorliegt, fehlt es an der wissenschaftlichen Methode. Im Grund will die Religion Bedürfnisse befriedigen, die sonst ungestillt bleiben. Sie soll dem glaubens- und bekenntnismässigen Ausdruck verleihen, was dem Menschen das Wünschenswerteste ist. So sind Dogmen entstanden, die auch noch, wenn ihr unmittelbarer Sinn längst überholt ist, Bedeutung für den behalten, der unfähig ist, sich Symbole selbst zu schaffen; natürlich werden sie dann umgedeutet und werden eine Art Lebenspoesie. — Zu den psychologischen Problemen gehört der Einblick in das Innenleben religiöser Persönlichkeiten und die Fragestellung, was beim Schwund dieser Lebensmacht aus den seelischen Kräften wird. Als psychische Aequivalente wird dann die Seele neue Gebiete erschlossen und neue Objekte finden, ln dem Suchen selbst sieht Höffding religiöses Leben am Werke. In einer stark skeptisch angehauchten Fragestellung prüft Höffding, ob die Religion Organ oder Geschwür ist. Daraus ergibt sich von selbst die gleichgerichtete Frage, ob sie zu erhalten oder zu beseitigen sei. Die Beseitigung eines Organs könnte lebensgefährlich sein, aber auch die Operation eines Geschwürs könnte durch Blutverlust das Leben bedrohen. Im Fall des Geschwürs wäre eine Unterbindung, durch Mangel an Nahrung, harmloser. Höffding stellt der Zukunft die Lösung des aufgeworfenen Problems anheim, lässt' also die Alternative offen. Diese religiöse Skepsis hat ihre grossen Bedenken, wird aber von Höffding selbst dadurch gemildert, dass er sogar die Ausschneidung eines Geschwürs für