Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- Seite 226 (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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226 Die jtidisehe Geschichte usw. wird Israel von den Völkern der Welt fast ständig als etwas Besonderes, in ihre Betrachtungsweise sich nicht Einfügendes empfunden, oft deshalb gehasst, verachtet und beneidet, selten geehrt und geliebt. Und gerade wegen seiner inneren Selb־ ständigkeit war und ist es für die ganze Entwicklungsgeschichte der Menschheit von so eminenter Bedeutung. Einem polytheistischen Altertum des Pharaonenreiches und Babels stellt es den Glauben an den einzigen Schöpfer des Weltalls entgegen, dem restlosen Schönheitsideal des Hellenismus die Wahrheit, dem Macbtprinzipe Roms die innerliche Freiheit des Gttesdieners, dem schwärmerischen Jungchristentum das klare Gttesbewusstsein des durch das Gesetz seinem Schöpfer verbundenen Volkes, der Herrschsucht der mittelalterlichen Kirche die Unbeugsam keit der nur ihrem Gtte Untertanen Glaubensgemeinschaft, dem Fatalismus des Islams, die Verantwortung heischende Willensfreiheit. Und als für die Völker des europäischen Kulturkreises die Neuzeit begann, blickte Israel betrachtend und verstehend auf die neu sich regenden Kräfte, die ihm in ihren Auswirkungen politische und gesellschaftliche Erleichterungen brachten nach Jahrhunderten schwerster Leiden, gleichzeitig aber auch Gefahren für das eigene Geistesleben. Nur zu oft verlor das jüdische Volk wertvolle Kräfte, welche vom Mutterboden sich loslösend, der Aussenwelt Richtung gebend wurden. Schmerzlich beklagen wir ihren Verlust und doch verstehen wir, dass auch ihr Scheiden von uns und ihr restloses Untertauchen in das Geistesleben der Völker von geschichtlichem Werte war. Von weit grösserer Bedeutung für uns selbst wie auch für die Menschheit ist aber der Weiterbestand des Gttes- Volkes in seiner priesterlichen Abgesondertheit und gleichzeitig seiner Teilnahme am Geistes- und Wirtschaftsleben der Nationen. Wohl fühlen wir uns und die Völker noch weit vom Ziele der .alles durchdringenden und alles umfassenden Gtteserkenntnis, aber trotz mancher trüben Erfahrung des oft chaotisch anmuten den Gärungsprozesses anerkennen wir die Fortschritte der Menschheit, nicht nur in technischer und intellektueller Hinsicht, sondern auch auf sozialem und ethischem Gebiete. Und keineswegs