Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- Seite 224 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Die jüdische Geschichte usw. für weiteste Kreise des jüdischen Volkes erlangt hat, verbunden mit dem Wiederaufleben der heiligen Sprache erfüllt uns mit der Hoffnung, dass nach siebzehnhundertjähriger Dauer des langen Galut eine Heimkehr bevorsteht. Unser Sehnen geht auf die wahre, endgiltige Geula, das Gefühl der Verantwortung erlaubt uns aber nicht, die Erfüllung des heissen Wunsches als Tatsache der nächsten Zukunft darzustellen. — Zu Beginn unseres Volkswerdens wurde uns als Ziel gestellt: Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk. Damit ist die Aufgabe Israels umschrieben. Nicht nur für sich lebend, sondern als Priesterstaat der Menschheit, als heiliges Volk. Sicher ist es, dass wir dieses Ideal nicht erreicht haben. Wenn wir aber mit ruhigem Blick die über 3 Jahrtausende sich erstreckende Geschichte unseres Volkes betrachten, so können wir sagen: das Streben nach diesem Ziele ist immanent in ihr. Und das erscheint uns rückblickend der eigentliche Sinn der Geschichte des jüdischen Volkes zu sein, dass es, mit seiner erhabenen Aufgabe ringend, die Menschheitsgeschichte durchschreitet. Die Tatsache, dass einem Volk die Mission des Priesterreiches gegeben wurde, und dass dieses Volk die civitas dei als seine Sendung betrachtet, gibt der Weltgeschichte einen ganz bestimmten Charakter, den der Offenbarung des gttlichen Willens. Nicht Zufall und nicht blinder Entwickelungsgang beherrscht die Geschichte der Menschheit, sondern ein von Anfang an gegebenes Ziel, das am Ende zu erreichen ist, mag der Weg auch in Wellenlinien oder gar in Spiralen gehen. Und dass diese Zielsetzung nicht vergessen werde, dafür ist das Priestervolk da. In bewusstem Wirken soll es der getreue Verkünder der Gttesbotschaft sein. Nur zu oft fehlte der bewusste Wille. Immer ist es aber die Tatsache seiner Existenz, jenseits der natürlich erscheinenden Gesetze des Völkerwerdens und -Vergehens, die das Gtteswirken auf Erden kundtut. Fürchterlichsten Verfolgungen ist das Gttesvoik ausgesetzt. Wie eine leidenschaftliche Anklage gegen die Völker Europas, in Byzanz und in Rom, an der Themse wie am Rhein, in Frankreich wie in Spanien, in Polen und in der Ukraine liest