Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- Seite 221 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die jüdische Geschichte usw. 221 In den achtziger Jahren blieben diese Bestrebungen im wesentlichen auf Russland und seine Nachbarländer Galizien und Rumänien beschränkt. Die Judenheit dieser Länder stand der russischen kulturell und wirtschaftlich am nächsten; in Rumänien war auch die politische Lage der Juden der im Zarenreiche ähnlich. In Mittel- und Westeuropa fand die jüdisch-nationale Bewegung erst im letzten Dezennium des Jahrhunderts durch das Aufflammen des Antisemitismus weitere Verbreitung. Auch hier empfand man jetzt gerade in den am weitesten assimilierten Kreisen die geistige Not des Zurückgestossenseins. In Theodor Herzl erstand der zionistischen Bewegung ihr politischer Führer. Was den Juden in ihren osteuropäischen Massensiedlungen eine Selbstverständlichkeit war, dass sie eine Nation sind, das rief Herzl den westeuropäischen Juden als etwas ihnen Neues zu. Die Reform und die Assimilation hatten hier das nationale Empfinden ganz in das Unterbewusstsein gebannt; selbst in den toratreuen Kreisen war es oft bis zum Schatten verblasst. Viel wesentlicher als die praktische Palästinatätigkeit des Zionismus war in seinen beiden ersten Jahrzehnten, seine Ideologie: die ganze über den Erdball zerstreute jüdische Diaspora ist trotz ihrer abgrundtiefen Verschiedenheiten eine einheitliche Nation: das erschütternde Problem der Judenfrage in Ost und West ist nicht durch Angleichung an die Wirtsvölker zu lösen, auch nicht durch philanthropische Hilfsaktionen zu gunsten der am schwersten leidenden Glieder. Aber furchtbarer als die Tragik des vom Zionismus enthüllten Bildes der geistigen und körperlichen Not des über alle Länder zerstreuten Volkes'ist die Tatsache, dass die grosse Bewegung, welche Israel in die Heimat zurückführen will, dem Gttesgesetze seine beherrschende Stellung nehmen, die Judenheit der Gttesvolksschaft entkleiden will. Dieselbe Bewegung, welche mit aller Kraft der Assimilation des jüdischen Individuums entgegengearbeitet, spricht, in Verkennung der ganzen Geschichte, der jüdischen Gesamtheit ihre Einzigartigkeit als Volk Gttes ab, will sie als Nation den Nationen assimilieren. Das Empfinden hierfür war 4