Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1925)
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 166 (sequence 76)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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166 Die religiöse Tat Da der menschliche Geist gewohnt ist, alle seine Objekte in den Formen von Raum und Zeit zu denken, da er, seiner Natur nach, ein räumlich und zeitlich unbegrenztes Wesen nicht oder nur sehr unklar erfassen kann, sträubt er sich, an dessen Existenz, d. h. vor allem an dessen räumliche und zeitliche Unendlichkeit, wie überhaupt an eine Weit des Ideellen, zu glauben. Schwerer Ballast ist es also, der den Menschen in die Tiefe des Erdenlebens hinabzieht. Aber wie der Luftschiffer die ihn umgebende Atmosphäre verdünnt und von dieser verdünnten Luft im Ballon sein Schiff in die Höhe treiben lässt und wie die Kraft seines Höhenauftriebes mit dem Grade der Verdünnung zunimmt, so steigt auch der Mensch um so schneller in seinem Höhenflug, je mehr er die ihn umgebende (materielle) Welt zu vergeistigen, zu veredeln, zu adeln versteht. Das Religionsgesetz befähigt ihn dazu. Die jüdischen Gesetze, die noch dazu durch Verordnungen, Verhaltungsmassregeln, Ratschläge bis ins Minutiöse ausgearbeitet wurden, sind viel viel zahlreicher als die Gesetze anderer Religionen und sie umfassen, wie es wenigstens den Anschein hat, in erster Linie nicht so sehr das Innenleben, sondern das Aussenleben, und dieses in seiner Totalität mit allen seinen Einzelerscheinungen, den klein״ Auch von anderer Seite her lässt sich die Richtigkeit der Wahrnebmung erweisen, dass das dom Menschen angeborene Religiöse viel stärker ist als im allgemeinen angenommen wird. Wie der Mensch in seiner Kindheit, so besassen nämlich auch die Völker in ihrer Jugendzeit eine wirkliche Religiosität, die wahrscheinlich, ebenso wie bei dem Menschen, durch den Kampf mit dem Materiellen und durch die Niederlage in diesem allmählich schwächer und schwächer wurde. Dar Fetischglauhe der Völker in der ältesten Zeit, der ja den Fetisch letzthin als ein Symbol für Geistiges ansieht, steht höher als mancher anderer Götterglaube, der sich erst in späteren Jahrhunderten durchgesetzt hat. Gewiss hat die sinaitische Gesetzgebung auf den religiösen Glauben auch anderer Völker mehr oder weniger, mittelbar oder unmittelbar einen gewissen Einfluss ausgeübt; aber die Quelle des Glaubens ist eben doch a priori gegeben und kommt bei den Völkern am deutlichsten zum Durchbruch in den Perioden, wo sie noch am wenigstens von ״Kultur“ angekränkelt sind.