Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1925)
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 157 (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2293034-2293037--07555-2300837- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die jüdische Geschichte usw. 157 Judentum״. Trotz des Widerspruches des preussischen Königs gestattet der deutsche Kaiser nicht den Vertrieb der heschlagnahmten Schmähschrift. Auch die Regierungen beginnen zu verstehen, dass die Juden nicht mehr Objekt der Ausbeutung und der Verachtung sein dürfen. Unverkennbar sind auch die An- Zeichen einer kulturellen Annäherung zwischen Juden und der Aussenwelt. Die Judenheit steht an der Schwelle einer neuen Entwickelung; in einigen Jahrzehnten musste die Synthese zwischen Judentum und Allgemeinkultur wiederum Schicksalsfrage werden. Wie wird sie gelöst werden? Werden Alexandria oder Bagdad und Cordova als Beispiel zu dienen haben? Die innerliche Verbundenheit mit Toralehre und ־Gesetz •ist im deutschen Judentum de3 achtzehnten Jahrhunderts nicht geringer als einst in Babylonien und Spanien, auch an geistigen Führern mangelte es nicht. Aber ein furchtbares Verhängnis war der unselige Streit zwischen R. Jonatan Eibeschütz and R. Jakob Emden, der fast das ganze rabbinische Deutschland zerklüftete. Der Bann, der nur zu oft gegen hervorragende Männer geschleudert wurde, musste die Wirkung haben, das Ansehen der Rabbinen im Volksbewusstsein zu untergraben. Jetzt, da es darauf ankam, in weiser Ueberlegung das europäische Judentum in die Neuzeit hinüberzuleiten, da gegenseitiges Vertrauen der Führer zu einander und der Gemeinden zu ihnen die wichtigste Voraussetzung für eine glückliche Entwicklung in Zeiten ganz neuer Problemstellung war, jetzt versagte die Führung, nicht aus Mangel an Können, sondern aus Fehlen der Autorität. Diese war untergraben, und ohne Vertrauen zu einer einheitlichen Führung ging die deutsche Judenheit dem Zeitalter der Aufklärung entgegen. Ein weiteres Verhängnis war es, dass der Wegweiser in die Weltkultur wohl ein Mann von sittlichstem Wollen und auch vielem Wissen war, aber keine ganz von Torakenntnis und -fühlen durchglühte Persönlichkeit. Kein Sa’ad ja und kein Mose ben Maimun, sondern ein Moses Mendelssohn ist in Deutschland Bahnbrecher der Judenheit in die Zeitkultur, oder vielleicht mehr noch: der Zeitkultur in die Judenheit. Saadja’s arabische Bibelübersetzung hat heute noch bei jemenitischen Juden eine