Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1925)
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 155 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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Die jüdische Geschichte usw. 155 Ein wilder Taumel von mystischer Schwärmerei ergriff in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts einen grossen Teil der Judenheit. Die furchtbaren Leiden der Kosakenmetzeleien gaben einen guten Nährboden für die ausschweifenden Hoffnungen auf baldige Erlösung, wie sie Sabbatai Zewi, der falsche Messias von Smyrna und seine Lügenpropheten der Sehnsucht des jüdischen Volkes vorgaukelten. Selbst hervorragende Gelehrte Hessen sich zeitweise täuschen. Endlich, als Sabbatai, auf Drohung des Sultans, um sein Leben zu retten, zum Islam übertrat, erkannte man allgemein den Betrug. Aber noch lange wirkte die Erregung jener Zeit nach. Die Furcht vor jenem verderblichen Sabbatianismus war es, die den heftigen Kampf so vieler Rabbinen gegen den fast hundert Jahre später entstehenden Chassidismus verursachte. Die Konzentrierung des Geisteslebens auf das intensive Talmud- Studium und dessen beherrschende Stellung in der Jugendbildung konnte leicht zu einer Ueberschätzung des Intellektes gegenüber den! Gefühle führen. Verstandesschärfe wird dann oft höher gewertet als sittliche Eigenschaften. Gerade die Mittelmässigkeit, die ihre Erfolge viel mehr einer einseitigen Schulung als der Veranlagung verdankt, ist am meisten geneigt, alle Seelenkräfte, welche dieser Einseitigkeit zum Opfer gefallen sind, für unwesentlich zu halten und die Betonung des nicht Verstandesmassigen durch Verachtung zu bekämpfen. Auf die Dauer aber lässt das Gefühlsleben sich nicht unterdrücken; im ersten Ringen um seine Selbstbehauptung ist es dann seinerseits geneigt, den Intellekt zu unterschätzen. Als solch gewaltiges Aufbäumen der in der Tiefe der Volksseele schlummernden Kräfte gegen wirkliche oder auch vermeintliche Tyrannis des Intellektes haben wir das Entstehen des Chassidismus zu betrachten. Mit glühender Begeisteruug verficht R. Israel Baal Sehern tob (Beseht) den Wert des Gebetes und des mystischen Sichversenkens in die Vor- Stellung von Gtt. Wie eine Befreiung wirkt sein Auftreten auf all die Tausende, die in dem intensiven Studium nicht die volle Befriedigung fanden. Der schnelle und dauernde Siegeszug des Chassidismus beweist, dass er in seinen Urkräften im jüdischen