Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1925)
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 154 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Die jüdische Geschichte usw. Schiff beweisen, dass Deutschland auch im siebzehnten Jahrhundert hervorragende Talmudgelehrte hervorbrachte. Die ersten Vorzeichen einer neuen Zeit zeigten sich den Juden in Holland. Die Holländer, die sich nach schwerem Kampfe vom Joche der spanischen Inquisition befreit hatten, gewährten seit Ende des sechzehnten Jahrhunderts den aus Spanien und Portugal fliehenden Marranen ein Asyl, in dem sich bald blühende Gemeinden bildeten. Zu den sefardischen Einwanderern kamen infolge des dreissigjährigen Krieges und der Kosakengreuel viele Flüchtlinge aus Deutschland und Polen. Die Amsterdamer Gemeinde ward bald zu einer der bedeutendsten der ganzen Judenheit. Es entwickelte sich hier ein reges geistiges Leben mit biblischen, talmudischen und philosophischen Studien. Schwere seelische Erschütterungen blieben aber der Amsterdamer Judenheit nicht erspart. Das jahrhundertlange Marranenleben unter dem Einflüsse katholischer Erziehung konnte nicht 80 leicht überwunden werden. Vor allem fehlte vielfach die Selbstverständlichkeit des Glaubens, wie sie die Judenheit der anderen Länder besass. So konnte ein Mann wie Baruch Spinoza mit seiner glänzenden Begabung und seiner hohen Ethik immer mehr dem Judentum entfremdet werden, bis das Rabbinatskollegium sich gezwungen sah, ihn durch Verhängung des grossen Bannes auch äusserlich aus der jüdischen Gemeinschaft auszuschliessen. Ein schmerzliches Empfinden überkommt uns, wenn wir an den Verlust eines der grössten Geister des jüdischen Volkes denken, der durch seine einzigartigen philosophischen Werke der Welt so viel gegeben hat. Aber es musste sein. Nachdem Baruch Spinoza sich von der Weltanschauung und Ueberlieferung des Judentums losgesagt hatte, musste dem Bruch Ausdruck gegeben werden, um die Gesamtheit zu schützen. Ein anderer Sohn der Amsterdamer Gemeinde Manasse ben Israel, stellte seine umfassenden talmudischen, philosophischen und sprachwissenschaftlichen Kenntnisse ganz in den Dienst seines Volkes. Er war es, der durch sein glänzendes Auftret«! in Schrift und Wort die Rückkehr der Juden nach England wieder anbahnte.