Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1925)
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 152 (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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152 Die jüdische Geschichte usw. des Adels schützte. Das Fehlen eines eigentlichen polnischen Bürgerstandes war ein wesentlicher Grund für die im allgemeinen nicht ungünstige politische und Wirtschaftliche Lage der Juden Polens bis in das siebzehnte Jahrhundert hinein. Sie bildeten das notwendige Mittelglied zwischen dem Adel und den Bauern. Im Gegensatz zu ihren Brüdern in Polen waren die deutschen Juden auch im fünfzehnten Jahrhundert nicht nur in sozial fürchterlicher Lage, sondern auch an Leib und Leben aufs äusserste gefährdet. Wurden doch noch im Jahre 1510 in Berlin 38 Juden wegen angeblicher.Hostienschändung öffentlich verbrannt. Erst ganz allmählich machte sich der Einfluss des Humanismus — besonders durch den edlen Johann Reuchlin — und der Reformation zu Gunsten der Juden geltend. Wenn auch Luther, in seiner Hoffnung auf Massenübertritte der Juden enttäuscht, seine ihnen anfänglich freundlichere Stellung aufgab, so musste doch die religiöse Spaltung in Deutschland im Laufe der Zeit eine gewisse Duldung gegenüber Andersgläubigen hervorrufen. Mit grossem Geschick verstand es der aufopferungsvolle Josel von Rosheim, in mutvoller Weise bei Kaiser und Fürsten, bei Katholiken und Protestanten für seine Brüder einzutreten. Die günstigeren Verhältnisse der Juden in Polen Messen hier ein reges geistiges und soziales Leben erstehen, das den Juden der anderen europäischen Länder einen starken Rückhalt bot. Es bildeten sich dank der weitgehenden Autonomie, deren sich die polnischen Juden erfreuten, nicht nur wohl verwaltete Einzelgemeinden, sondern auch eine starke, machtvolle Organisation der Rabbiner des polnischen Reiches, die ״Vierländersynode״, welche die autoritative oberste Instanz für alle Fragen der polnischen Judenheit wurde. Seit der Zeit der Exilarchen und Geonim in Babylonien hat kein Land der Diaspora solch fest gefügte Selbstverwaltung besessen. Wie .eiost am Euphrat und Tigris nahm hier das Torastudium einen fast das ganze Volk umspannenden Umfang an. So entstanden hier Koryphäen des Talmuds und der Halacha, die mit schärfstem Geiste und Staunenswertem Fleisse das ganze Gebiet der talmuäischen und halachiscken Forschungen aller Zeiten und Länder in sich aufnahmen