Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1925)
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 145 (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Von jüdischer Politik 145 den Lehren des Judentums befindet. Der christliche Religions- Stifter kann höchstens als Persönlichkeit in der jüdischen Geschichte einen Platz einnehmen, er bedeutet aber keine Etappe auf dem Wege jüdischer Politik. Die Mission des Christentums aber könnte man als Hilfe für jüdische Politik, als Erleichterung für die Errichtung des G’ttesreiches deuten, doch auch das ist sehr fraglich. Die Betätigung im Sinne des Menschheitsideals gehört in der Geschichte der Völker bisher zu den Seltenheiten. Und Politik ist in erster Linie Tat. Spengler hat in der Einleitung zu seinem Werke mit Recht darauf aufmerksam gemacht, dass den Forschern des Abendlandes die Einsicht in den historisch-relativen Charakter ihrer Ergebnisse fehlt. ״Allgemeingültigkeit“ ist immer der Fehl- Schluss von sich auf andere. Das gilt insbesondere da, wo es sich nicht nur um Rückschlüsse aus geschichtlichen Tatsachen handelt, sondern wo man auch die so erwiesenen seelischen und geistigen Kräfte der handelnden Gemeinschaft, des in der Geschichte lebenden Volkes vergleichen, in ein System bringen und ein allgemeingültiges Urteil über sie fällen will. Eduard Meyer hat ״den allgemeinen Charakter der Semiten* auf drei Seiten behandelt. Dort ist zu lesen: ״Es fehlt den Semiten die Innigkeit des Gemütlebens, die Wärme der Empfindung, welche den Indogermanen auszeichnet und auch bei dem Aegypter viel stärker hervortritt“*). Nur ein Beispiel, wie gefährlich es ist, ein allgemeines Urteil über das geheimnisvolle Seelenleben eines Volkes zu fällen, wie sehr auch der reifste Mensch hier naturgemäss kein rein logisches Verfahren vornehmen kann, mehr oder weniger angeborener Uebertreibung, anerzogener Voreingenommenheit, schliesslich auch vorübergehender übler Laune anheim fallt. Kohns ״Tendenzen“ können gleichfalls nur als Kräfte gewertet werden, die in der Geschichte unseres Volkes sicherlich eine hervorragende Stellung einnehmen, nie aber als Bestimmung des Charakters der Juden. Unser Volk gehört den Semiten an und sie alle haben mehr das ״Ohr“ als :) B. Meyer, Geschichte des Altertums I, 2, S. 386 (2. Aufl).