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Jeschurun · 1925-03-01 · Heft 3-4 (März 1925) · p. Seite 108

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
12 (1925)
Issue
Heft 3-4 (März 1925)
Date
1925-03-01
Page
Seite 108 (sequence 18)
Language
German
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108 Von den Idealen usw. der Tora verloren, weil man die Mittel nicht bereitstellt, die den Begabten das Stück Brot sichert. Und was das Kunsterziehungs-Motiv betrifft, so würde auch dies uns mancherlei zu sagen haben: man denke nur an die musikalische Barbarei unserer Synagogen, die Vernachlässigung unserer jüdischen Nigunim, die Gleichgültigkeit gegen die unsäglich feinen poetischen Wirkungen des תנ״ך, unserer Sänger im Mittelalter und in der Neuzeit, unsere Verständnislosigkeit gegenübnr der Kunstbewegung im Judentum der Gegenwart, eine Verständnislosigkeit, von der die Wände unserer Häuser oft erschreckend und beschämend Zeugnis ablegen. Ich wollte nur die grossen Linien und Entwicklungen charakterisieren. Sie lassen sich schlagwortartig dahin zusammen״ fassen: es gilt Seele gegen Sache; Individualität gegen Mechanisierung, gegen Drill und kulturelle Gleichmacherei; Freiheit gegen Zwang, gegen veräusserlichte Autorität; innere Bindung gegen äussere; freiwillige Selbstunterordnung in der Gemeinschaft gegen Herrschaft und Gehorsam; Irrationales, Ewiges gegen Intellektualismus und Aufklärerei; schöpferische Eigenständigkeit gegen wirtschaftliche Brauchbarkeit. Dass der denkende Jude der Gegenwart solchen Rufen nicht taub sein darf, brauche ich nicht zu sagen. Denn auch wir haben bis tief in die Kreise der Gesetzestreuen hinein uns der Mechanisierung des Daseins unterworfen, uns entseelen lassen, schleppen die Dekadenze mit uns und trinken ihre narkotischen Düfte in uns hinein. Ein Zweiseelentum macht sich unter uns breit, ein Leben nicht aus dem Ganzen, nicht aus innerster Notwendigkeit, nicht aus der Tiefe unsres Ich. Ein Abbild davon ist die jüdische höhere Schule in Deutschland geworden. Als vor 100 Jahren ihre Idee konzipiert wurde, da war ihr Aufbau, der in ihr zu vollziehende Ausgleich von Tora und Welt eine solch tiefe Angelegenheit des jüdischen Gewissens, eine solche Kraftprobe der religiösen Intelligenz, eine solche Herzenssache der Verantwortung für unsre Zukunft, dass der elan vitale, der aus dieser Aufgabe sich allen mitteilte, eines der herrlichsten historischen Erlebnisse

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