Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1925)
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 105 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2293034-2293037--07503-2300785- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
105 Von den Idealen usw. des Berufes ist uns nicht eine solche gegen die Menschheit, gegen die eigne kulturelle Lebensaufgabe, sondern der Zwang der Wirtschaft, die uns sonst erbarmungslos zermalmt. Kerschensteiner will der Jugend im Berufe den Sinn des Daseins wiedergeben, die Berufsausbildung zur Quelle sittlicher Impulse, zur geistigen Kraftquelle machen, aus der dem Jugendlichen Antriebe zum Erfassen aller Zusammenhänge ,des breiten Kulturlebens, zur freudigen Teilnahme an der Entwicklung der Menschheit fliessen. In der sittlichen Grundlegung der Schule, in der notwendig eine Götzenöämmerung aller Scheinautorität, alles überflüssigen, äusseren Zwanges erfolgen muss, in der sich tiefer Glaube an die sittliche Natur des Menschen erneut, in der die Antagonie von Autorität und Freiheit ausgeglichen, zu einem neuen, edleren, ihrer selbst und ihrer Lebensaufgabe freudig bewussten Individualität führt, ich sage: in dieser Grundlegung steht ihm der andere, in Volkskreisen bekanntere Pädagoge Friedrich Wilhelm Förster nahe. Man bezeichnet geradezu sein System als Moralpädagogik. Die Krankheit der modernen Kultur hat Förster wie ein Arzt vorausgesehn, seine Diagnose war erschütternd, seine Therapie hiess: Rückkehr zur moralischen Grundlegung des Lebens. Allerdings hatte er dabei eine zu enge positive Einstellung: die Kirche mit ihrer Forderung der Unterwerfung, des Opfers, der Hingabe, mit ihrer absoluten Autorität könne allein die Welt gesunden lassen. Die Moral ist ihm nichts Selbständiges. Die ״ Ethik ist ein Parvenü, sie schämt sich ihrer Mutter, der Religion0. Diese allein als heteronome Gesetzgeberin kann dem Leben sein Gift, der Schule ihre Veräusserlichung nehmen. Förster, der Sohn meines verehrten Lehrers, des Astronomen W. Förster, des edlen Freundes Israels, des Mitbegründers der Gesellschaft für ethische Kultur, ist wie sein Vater eine tief sittliche Persönlichkeit. Gegenüber der verflachten, verantwortungslosen moralischen Skepsis und dem geistigen Relativismus der Moderne zog es ihn zur festen Organisation der katholischen Weithin, derenMacht allein gegen denSubjektivismus des Denkens