Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1925)
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 102 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Von den Idealen ט sw. Noch viel wichtiger erscheint mir die zweite Gaudigsche Forderung: Die Schule in einen Kulturprozess einzugliedern, durch planmässiges Zusammenarbeiten verschiedener Fächer kulturell wichtige Wirklichkeitszusammenbänge erfassen zu lehren. Denn erst darin wird die Jugend ihres sachgemässen Wissens froh. Das bedeutet aber für die jüdische Schule, dass sie eine echte Synthese von profanem und jüdischem Bildungsstoffe, ein wirkliches Kulturganzes aus Thora und Derech-Erez dem jüdischen Kinde gebe. Erst dann bietet sie eine wahre Lebens״ anschauung, eine Gesamtorientierung im geistigen Leben; erst dann kann sie die Einheit der Persönlichkeit, das יח;ד הלג ge״ wäbrleisten und vor dem entsetzlichen Gefühl der geistigen Heimatlosigkeit, des seelischen Golus bewahren. Diese Syn״ these muss möglich sein, oder die jüdische Schule ist von vorn״ herein ein logischer Widerspruch. Wir postulieren diese Synthese; sie ist ein Postulat der praktisch pädagogischen Vernunft des Judentums. Wir behalten uns als Ergänzung dieses Aufsatzes eine Sonderbehandlung aller Details dieser Frage vor, worin gezeigt werden soll, wie sich diese Einheit des Unterrichts auszuwürken und in den Spezialdisziplinen normgebend zu entfalten hat. Hier mag die Andeutung genügen, dass ohne eine Totalität der Kultur, jüdischer Kultur eine jüdische Schule keine Erzieherarbeit leisten kann. Tiefer als Gaudig sind die Gedankengäoge des Münchener Schulrats Georg Kerschensteiner, in. E. der sympathischsten Gestalt unter allen Pädagogen der Gegenwart. Ebenso bedeutend als Philosoph wie als Pädagoge, stürmisch und überlegt, wagend und zurückhaltend zugleich, ist sein letztes Ziel die freie sittliche Persönlichkeit in ihrer Autonomie, in der reinen Entfaltung ihrer Individualität. K. wreks, dass ohne Autorität keine Erziehung, ohne Autoritätsgesinnung und -gefühl kein edles Menschentum denkbar ist. Aber in der Uebertreibung des Autoritätsbegriffs und der autoritativen Forderungen der alten Schule lag ihr Fehler; sie nivellierte alle Individualität, sie machte in Denken, Wollen und Handeln unselbständig, sie führte ״zur Versteinerung der Wertverwirklichungen in Gütern״. Das Ergebnis des autoritativen