Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1925)
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 101 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2292929-2293034-2293037--07499-2300781- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Von den Idealen usw. 101 Geometrie der Fächer ist aufzubeben; ans ihrer innerlichen Verflechtung zu einem Külturganzen mü38en die Schulstoffe in eine geschlossene Totalität der Kultur einführen. Aus dieser doppelten Wurzel, aus der Freude und der Energie selbständigen freien Schaffens, dem Ethos der Arbeit einerseits, aus dem frohen Gefühl der Zugehörigkeit zu einem, zu einem Kulturkreis andrerseits, 8011 die Heilung der Schulnot unsrer letzten Jahrzehnte emporwachsen. Gewiss stellen diese Gedanken und Pläne Gaudigs keine grosse Umwälzungen in der Gesamtheit der pädagogischen An- Behauungen dar, will er doch an der soziologischen Bestimmtheit des Schulziels nicht rütteln. Und doch sind wir im jüdischen Kreis noch weit von ihrer Durchführung und Verwirklichung entfernt. Für alle Stufen jüdischer Spezialbildung, im Unterrieht der Schule wie der Schiurim bis hinauf in die Ausbildung unserer Rabbinen und Lehrer, ist das Formalziel des freien geistigen Schaffens, des selbständigen Verhältnisses zum Stoff mehr und mehr in Vergessenheit geraten; immer nur in Gemeinschaft mit dem Lehrenden vermag der Lernende lediglich rezeptiv die religiösen Quellenschriften in sich aufzunehmen. Das Kraftgefühl eigner Eroberung und Entdeckung geht für die Lehre der Thora unsren Zöglingen ab; wer vermag die eigne Erarbeitung des Stoffes, etwa durch häusliche Leistung, für den Fortschritt des Unterrichts nutzbar zu machen? Von Esriel Hildesheimer זצ׳ ל soll das Scherzwort stammen: כל הדרה שאין עמה מלאבד. סיפה בטלה, ein Lernen, bei dem nicht Selbstbetätigung erfolgt, eigne Forscberarbeit geleistet wird, hat keinen Bestand und Dauer wert. Daher auch dem jüdischen Lehrer ein neues Berufsideal nottut: nicht Wissensvermittler, sondern Kräftewecker soll er sein; denn, um Gaudig selbst sprechen zu lassen: *auch im Gebiet des Religiösen ist freie geistige Tätigkeit notwendig, sonst würde man ihm den Charakter eines persönlichen Lebensgebietes nehmen. Es muss sogar die religiöse Gemeinde als eine Persönlichkeit höherer Ordnung zu einer Denkgemeinschaft werden, denn nur dann besitzt sie Trieb und Kraft der Selbsterhaltung und Selbstentfaltung.Ä