Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1925)
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 97 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Von den Idealen usw׳. 97 auch jeden Juden zu tiefer Besinnlichkeit und zu nachdenklichem Ernst ein. Ich übergehe, wenn ich die pädagogischen Bestrebungen unter jüdischem Gesichtspunkt betrachte, radikale Gedankengange, wie die eines Tolstoi, einer Ellen Key. Sie verneinen die Erziehung überhaupt; alle pädagogische Weisheit sei, das Kind sich selbst zu überlassen; denn alle Erziehung sei Vergewaltigung, entreisse das Subjekt sich selbst und seinen eingeborenen göttlichen Kräften; höchstens habe man zu sehen, dass ״rohe und unreine Eindrücke ferngehalten, dass die umgebenden Verhältnisse die Arbeit der Natur unterstützen. Alle Wachsamkeit sei nur auf die eigene Person, das eigene Leben zu verwenden*. Nicht etwa, weil in dieser Negation nicht auch ein Körnchen echter Erziehungsweisheit steckt, daraus jüdischen Eltern eine äusserst nützliche Lehre erwächst. Man denke nur an die Torheiten der besonders die Erziehung unserer Töchter beherrschenden gesellschaftlichen Modebildung, an den Krimskrams und Plunder von Formen missverstandenen aristokratischen Lebensstils, in der so oft die jüdische Seele erstickt, die natürliche, gesunde kraftvolle Gebärde jüdischer Lebensinnerlichkeit in eine vornehme Grimasse sich verkehrt hat. Hat doch schon mancher nicht eben ideallose Jüngling zur Nichtjüdin sich vor der Unnatur seiner standesgleichen jüdischen Schwestern geflüchtet. Aber der pädagogische Nihilismus und Naturalismus der Key und Tolstoi, die das Kind mit der Wanne ausschütten, die Erziehung mit der Aftererziehung zugleich beseitigen wollen, sie bedeuten letztlich wie den Tod der weltlichen Kultur, auch die Leugnung des Judentums als einer gottgesetzten Erziehungsaufgabe der Menschheit. Ich gedenke vielmehr nur einige der grossen Vertreter neuzeitlicher Pädagogik zu erwähnen, die ihre grossartigen Systeme in mehr Gegenwarts- und Lebensnähe auf gestellt haben: Gaudig, Kerschensteiner, Förster, Wyneken-Oestreicher. Auch von ihnen können nur einige Leitgedanken gestreift werden, um ihre praktischen Forderungen in Beziehung zum Judentum ins rechte Licht zu setzen.