Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 88)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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88 I>10 Cio^talt des .Juden Shvlock darstellung s;egt aber darin, dass er uns erstens die genetischen Ursachen für die Verküm merung der jüdisch-mittelalterlichen rsyche aufzeigt (denn Shakespeare hielt sie für verkümmert!), dass er zweitens die christliche Gesellschaft ebenfalls auf die Anklagebank zitiert, als wollte er sagen: Ihr selbstgerechten Christen! Seh t die Verstümmelungen, die Wundmale der Seele, die dieser Paria Eurer Gesellschaft aufweist, seht, bis za welchem Grade der Rachgier, der Unnatur dieser Frototypus einer von Euch entrechteten Klasse, wenn er herausgefordert wird, gelangen kann, seht, und seit gewarnt! Dass Shakespeare dem Shylok heroische Grösse, überlegene Intelligenz, tragische Konsequenz im Leiden und Entsagen für eine Idee, menschlich innige Züge der Familien״ Zärtlichkeit und Stammestreue nicht schuldig geblieben ist — dies ist schon an andern Stellen oft genug ausgefährt worden. Shakespeare ist kein Judenfeind gewesen, dahin möchte ich meine Ausführungen zusammenfassen, und darum dürfen wir ihn nicht mit Bileam, dem schlimmsten geistigen Unterdrücker unseres Volkes, in eine Reihe stellen. Shakespeare hasst die Juden nicht, ebensowenig wie er das gewöhnliche %־לי~־\ das profanam vulgus hasst, obwohl er seine geringe Sch*.״״.mg des Demos oft genug zu erkennen gibt. So sehr sich Shal־■^ ־peare über die Vorurteile seiner Zeit erhebt im .,Kaufmann v. Yen.״, indem er Shylock zum Exponenten mittelalterlich-christlicher Lieblosigkeit, zum Ankläger mitielalterlieber Gesellschaftsmoral macht — so sehr erhebt sich sein Dichtergenius über engherzigen Partei-, Religions- und Kastengeist, um einen Menschen und einer Meuschenklasse nicht als Entartung von Natur, als Urtoufei, sondern als Menschen, lachende trauernde, hinfällige Kreaturen zu schildern. Vor allen Dingen hüten wir uns, Shakespeare mit unsern heutigen Wertmasstäben zu messen, seine Charaktere mit unsern modernen Anschauungen und Gefühlen, durch unser Temperament zu betrachten. Shakespeare mag ein Turm, eine weltr&gende ewige Grösse sein — seine Charaktere sind dennoch zeitbedingt, vom damaligen Milieu and Zeitgeiste abhängig.l) Enthalten wir Kinder einer andern Zeit uns ד VgL Lorenz Morsbachs aufsehenerregendes Bach: Der AVeg zu Shakespeare und das Hamlet-Drama, wo er vor den zcasslosen