Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 85)
- Language
- German
- Belongs to
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Ijip Gestalt lies Juden Shjlook SS der hohlen Lüge ihrer Nächstenliebe und ihrer frommen Geduld* vor ihrer Moral mit doppeltem Heden hervorgegaDgen; sein Rachedurst gegenüber den Mördern seines häuslichen Friedens die VerzweifluDgstat eines geknickten Vaterherzens und der heilige Protest eines für die Unrechte der Menschheit kämpfenden Unglücklichen (p. 511)“. Dieses Bild ist stark idealisiert und retouchiert, fast aller Flecken bar. Shylock hat nach dieser Darstellung nichts absolut Schlechtes, Verächtliches, Kleinliches an sich, er ist nur voll Verachtung gegen die anderen. Wie findet sich C. aber ab mit dem offenbaren Widerspruch zwischen dem ״t i e f s i 111 i e h e n“ ״von hohem Ehrgefühl beseelten“ Shylock — und dem Shylock der Gerichtsszene, dem Shylock bei Antonio im Gefängnis (I ii, 3), dem Shylock, der .für Geld alles blngibt, Glauben, Selbstachtung, Stolz, Ehre? Ist seine geniesserische animalische Mordlust vor der Urteilssprechung, das langsame Wetzen des Messers (dies ist eine Bühnenanweisung, die im Text wort selbst steht!), das schrittweise Yorbereiten und Steigern der Folterqualen des Opfers — ist dies alles nichts als ״die Verzweiflungstat eines geknickten Vaterherzens?“ Hat nicht Sh&kesp. schon vor dem Raub Jessicas für Hassens wertes und Hasserfülltes genug in Shylocks Charakter gesorgt? C. hilft sich über den Widerspruch zwischen seinem auf der Höhe seiner idealen Sendung stehenden Shylock und dem von Shakespeare offenbar anders konzipierten und darge^tellten Shylock so hinweg, dass er ein subjektives und ein objektives fchylock-Bild unterscheidet, ein subjektives, wie 03 Shakesp., aus seinem Bileam-Hassgefühl heraus, zeichnen wollte, und dem objektiven Shylockbild, wie es ihm sein gottgesandter Genius in den Griffel diktierte, den shylock von hohen sittlichen Graden: Diese Scheidungsmöglichkeit zwischen subjektivem Wollen und objektiver Gestaltung des Geschaßenen erscheint mir eine bedenkliche Scheidung. Es heisst die Urgewalt der Inspiration, die Hellsichtigkeit des Dichters und Künstlers unterschätzen. Dichten heisst: intuitiv Erschautes ״verdichten“, Erdachtes von innen heraus zu einem Organischen ins Sichtbare ge-