Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1925-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1925) · p. Seite 71

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
12 (1925)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1925)
Date
1925-01-01
Page
Seite 71 (sequence 71)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2292929-2293034-2293036--07445-2300727
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die jüdische Geschichte usw. 71 Bemerkungen beleuchten :sie die Worte des Meisters, untersuchen sie das gegenseitige Verhältnis der verschiedenen Talmudstellen, Widersprüche feststellend, vielfach durch geniale Begriffnerklärung sie losend, oft aus den Ergebnissen der talmudischen Diskussionen die Halacha folgernd. Neben der Talmudforschung ,wird auch die Bibelexegese gepflegt. Auf beiden Gebieten wird allmählich der Einfluss der spanischen Gelehrten immer mehr bemerkbar. Mit Recht wird darauf hinge wiesen, wie wenig die furchtbaren Ereignisse der Kreuzzüge sich in den wissenschaftlichen Werken dieser Zeit wiederspiegeln. Wohl finden sich gelegentlich Erwähnungen jener unmenschlichen Verfolgungen und der allgemein trüben Lage. Aber den eigentlichen Inhalt berühren sie nur wenig. Die jüdischen Helden des Geistes verstanden es, gewaltiger zu sein als ihr Schicksal, durch Göttergebenheit und Vertiefung in das Forschen der Lehre es meisternd. Die von beschränkten und verrohten Fürsten und Völkern gequälten und verachteten deutschen Juden des Mittelalters wussten zu leiden und zu dulden, ohne seelieh zu Grunde zu gehen, ln rührenden Gebeten wandten sie sich klagend und flehend zu ihrem Gotte; kein noch so grosses Unheil konnte sie ihrem Glauben abtrünnig machen. Zu Tausenden sanken sie unter!Mörderhänden dahin, w*eil sie auch mit den Lippen nicht lügen wollten. Sie sind die Zeugen der Gottesherrschaft, die sie zu unzähligen Malen im Todesröcheln noch kündeten. In den finstersten Zeiten des Mittelalters sind sie der Beweis, dass der Geist stärker ist als die Gewalt. Die Weiterexistenz des jüdischen Volkes im christlichen Europa jener Zeit, aus ganzen Ländern vertrieben und da, wo sie geduldet waren, dahingejagt von Stadt zu Stadt, gehasst und verachtet, lu Tausenden dahin geschlachtet, überall misshandelt und ausgesogen — und doch standhaft in seinem Glauben an den einzigen Gott weiterlebend, seine Peiniger überdauernd, das ist eines der giössten Wunder der Weltgeschichte. Unter den schrecklichen Nöten und dem immer schwerer werdenden Druck der nächsten Jahrhunderte hat die geistige Produktion der deutschen Juden zeitweise nachgelassen, ihre ethische Grösse im unerschütterlichen Verharren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.