Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1924)
- Date
- 1924-11-01
- Page
- Seite 554 (sequence 80)
- Language
- German
- Belongs to
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554 Büenerbesprechungen wie er als kleiner Junge im Cheder sass und der Lehrer plötzlich voller Schrecken rief: Kinder, versteckt schnell die Gemores! (בבא קפא war im Cheder auf Anstiften der M&skilim zu lernen verboten. Nur vier מסכתות waren freigegeben) der Revisor kommt! Alle die Nöte und Drangsale der alten Zeit steigen vor unseren Augen empor, die furchtbaren Rekrutierungen unter Nikolai I.; an sich bekannt aber durch die Einzelschilderungen uns bis ins Tiefste erschütternd. Dabei fehlt es nicht an kulturhistorisch wertvollen Schilderungen über die soziale Lage, Charakterisierung der einzelnen Stände, über die Wohnungsverhältnisse, die Art der Beleuchtung usw. (vgl. besonders S. 4J 78). In der Darstellung der durch Lilienthal hervorgerufenen Bewegung und in den Schilderungen der Tätigkeit mancher Maskilim lauft sicher manches Anekdotenhafte unter, aber zweifellos enthalten sie einen Kern treuer Ueberlieferung, die auf alle die Gestalten ein neues Licht werfen. Die Unterhaltung zwischen R. Izele aus Wolosin mit Lilienthal (S. 82 f) ist ein Kabinetsslück feinster Diplomatie. Die Charakterbilder schlichter Melamdim und Baale-Battim (S. 185—196) zeigen, was ja dem Kundigen nicht unbekannt ist, welch hingebungsvolle Frömmigkeit und sittliche Grösse jenen ״einfachen Männern“ eigen war, die zugleich an ״Gelehrsamkeit“ mit den Gelehrtesten Westeuropas wetteifern könnten. Kurz, wo man das Buch aufschlägt, ist es interessant. Und dabei behandelt der Vf. in diesem ersten Teil die Periode, wo er vielfach auf Kindheitserinnerungen oder auf Erzählungen der Nachkommen der in die Geschichte dieser Zeit eingreifenden Personen angewiesen ist. Wie viel mehr Ausbeute versprechen die beiden anderen Teile, die die Ereignisse jener Zeit zum Gegenstand haben sollen, in denen der Vf. durch seine Stellung und schriftstellerische Tätigkeit im Zentrum aller Bewegungen stand, Wir halten es für die Pflicht eines jeden, der an einer Aufhellung dieser so oft parteiisch dargestellten Zeit ein Interesse hat, dem Herausgeber, dem Sohn des Vfs. Mittel zur Veröffentlichung des ganzen Werkes zur Verfügung zu stellen. (Adresse: Notel Lipschitz, Kowno-Slaboda, Litauen, Jurburgo g־ve 83). J. W. Ludwig Lewisohn Gegen den Strom, eine amerikanische Chronik übersetzt von Thea Wolf, Frankfurt a. M. 1924. Frankfurter Societäts-Drackerei. Wenn wir die Schilderungen dieses Buches mit dem eben besprochenen vergleichen, dann erkennt man erst den ungeheuren tiefen Abgrund der sich ^wischen den Gliedern desselben jüdischen Volkes, zwischen Wesen, die doch eines Blutes sind, anftut, wenn das Wesentliche, das Gemeinsame in der Religion fehlt. Hier haben wir das Bild eines aus Deutschland stammenden völlig entwurzelten Juden. Mit einem gewissen Stolz erzählt er von seinem Grossvater, einem ״Rabbiner“, ״der viel rabbinische Gelehrsamkeit aber eine seltsame Verachtung für alle rituellen Gesetze besass“ (S. 18). Weihnachten war für ihn das herrlichste Fest. Zwei Scenen sind ihm — so erzählt er —