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Jeschurun · 1924-11-01 · Heft 11-12 (November 1924) · p. Seite 544

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 11-12 (November 1924)
Date
1924-11-01
Page
Seite 544 (sequence 70)
Language
German
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544 Ueber die sittliche Welt vollem Zusammenhänge. Damit sind keine okkulten Phänomene oder dergleichen gemeint,. sondern einfach dies: Dass dem Verstorbenen in unserem Herzen eine Stätte erhalten bleibt. Und in unseres Wesens letztem Grunde sind sie nicht fort, sondern nur nicht leiblich da. Aber ihr Wesen scheint uns nah und vertraut, und wir leben in ihrem Geist und Sinne weiter, d6nn sie leben ja noch für uns und gehen uns nicht verloren. Bes Hachajim: Das ist das Haus der Lebenden. Und die Totenstätte ist damit bezeichnet. Und nicht nur im Sinne der Umschreibung ist dies gemeint, etwa wie auch der Blinde als der Hellseherische bezeichnet ist, sondern der Sinn des unserem Herzen Lebendigen verbirgt sich darin. Das Haus der Lebenden. Sie leben als seelische Mächte in uns fort, und ihr Wesen kann mit des Leibes Tode sich nicht aufgelöst haben. An der Stätte ihres Heimgangs wird es immerdar gewiss, und in des Tages Mühe und Drangsal nehmen wir diese Gewissheit als Rettung mit. — So wird die Kontinuität der Geschlechter. Aus Vorzeit in fernste Zukunft spannt sich diese Kette von Geschlecht zu Geschlecht. Die frühere Menschheit bleibt der gegenwärtigen nicht fremd. Auch die frühere Menschheit ist uns nahe, und wir machen sie uns ganz zu Eigen. Zugleich erkennen wir uns selbst als Durchgangsstufe für die Späteren. Und auch damit verbinden wir die Einsicht im Natural- und Schicksalsgeschehen und höhere symbolische Bedeutung. Dies ist das Weltgefühl, das in dem Gedicht ״Den Vätern“ in der Sprache der Kunst von uns gestaltet wurde2]. Ueber Zeit und Raum hinweg ist die Einheit des Menschentums gesetzt, und auch die Ewigkeit unserer Person im symbolischen Sinne. Als Enkel und Ahnen zugleichen stehen wir in der Welttotalität, Wirkung und Ur- Sache, Bewirkte und Bewirkende, ein notwendiges Glied in der ehernen Kette von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und so mischt sich in die Trauer um den Toten zugleich die seltsame Gewissheit, ihn jetzt erst ganz für uns zu haben. In die Trauer um den Toten ist die Gewissheit seines ewigen 2) Siehe Anmerkung 1.

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