Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1924)
- Date
- 1924-11-01
- Page
- Seite 538 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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538 Uebor die sittliche Welt ist, ist auch die Liebe eigentlich schon mitgesetzt. So naturhaft ist die Sittlichkeit verankert! Gesehwisterlichkeit — das ist eigentlich das Wesentliche. Im anderen Menschen wird das andere Ich erfasst. Im eigenen Ich das andere Du. Und jede fühlende Kreatur eine Geschwister- Seele. Das Ideal ist die Einheit und Aufeinanderbezogenheit aller fühlenden Herzen. Zugleich ersteht in der Gerechtigkeit der Liebe ein Hort Die Gerechtigkeit will’», dass alles überwunden werde, was diese Bruderliebe hindert. Die Gerechtigkeit ist der Hort der Liebe. In aller Mannigfaltigkeit der gegenseitigen Beziehungen wachen Liebe und Gerechtigkeit. Der Tatsachenfülle von affektiven und triebartigen Phänomenen gegenüber wachsen sie und können nicht anders. Selbst als höchste Gerechtigkeit und Liebe wird es erkannt, dass auch der Mensch wie alle andere Kreatur lebt und im Tod sein irdisches Ziel erreicht. Wo bliebe Liebe und Gerechtigkeit, wenn der Einzelne sich dem allweitlichen Gesetz und Schicksal entziehen wollte. Dies ist ein tiefster Sinn in jenem Gesang am Feste der Gesetzesfreude: Mansche mes, mi lau jomus. Mosche starb, wer muss nicht sterben. Selbst der gewaltigste Erdensohn durfte dem allgemeinen Gesetz und Schicksal sich nicht entziehen. — Tod, wo bleibt Dein Stachel! Ganz urwüchsig ist jetzt die Norm als Phänomen erstanden. Gehorsam von allen für alle, so könnte man das ganz allgemein bezeichnen. Es ist die sittliche Verbundenheit. — Selbst die Tiere und die Pflanzenwelt sind ahnend davon betroffen, und Ehrfurcht und Sympathie für jede Kreatur gefördert, mit der das Dasein geteilt wird. Alles aber, was diese kreattirliche Sympathie stören mag, wird verdammt, und so entstehen die zahlreichen aus Liebe und Gerechtigkeit gezeugten Widerstände gegen eine unselige Welt. Die ewige Revolution habe ich es früher genannt. Das bedeutet die an den tausendfältigen Mängeln des sozialen, ökonomischen