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Jeschurun · 1924-11-01 · Heft 11-12 (November 1924) · p. Seite 514

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 11-12 (November 1924)
Date
1924-11-01
Page
Seite 514 (sequence 40)
Language
German
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514 Die Gestalt des Juden Bhylock reichen Venedig bei all seinen christlichen Freunden kein Geld geborgt bekommt, bekennen muss, nur ein Jude könne ihm helfen, helfe ihm ohne Gewinn. Antonio muss sein Leben einem Juden verdanken. Und diese ,für sich“ gesprochene Bemerkung würde besagen: wenn ich Antonio wäre, so würde ich tatsächlich meinem Feinde ans Leben gehn, aber ich bin Jude. Dazu passt auch sehr gut, dass wenn Shylock ihnen beweist, wie wertlos solch Pfund Fleisch ist; er schliesst: ״ich bitt Euch, kränkt mich nicht für meine Liebe.“ Dann ist es berechtigt, dass jetzt Antonio, der vorher immer ein freundliches Wort abgelehnt hat, ihm zuruft: ,so eil Dich, wackrer Jude*. Und als Shylok fort ist, sagt: ,der Hebräer wird noch ein Christ, er wendet sich zur Güte.“ Ist die obige'Bemerkung: (für sich) nicht ecbt, dann kann die Auffassung Blaus noch gelten. Dann könnten alle die Worte Shylocks und Antonios voll Ironie und Falschheit sein. Mir erscheint dies allerdings höchst unwahrscheinlich. Wie sollte derselbe Antonio, der jeden Juden als Wuchrer und Betrüger verabscheut und misstrauisch behandelt, der auch auf Shylock voll Verachtung hinabsieht, ihm erniedrigend zu begegnen׳ sich berechtigt glaubt und selbst bittend noch ein Wort des Entgegenkommens ablehnt, plötzlich zu solcher veränderten Rede sich veranlasst fühlen und sogar den Juden zum Gastmabl bitten? So neige ich zu der Zangwillschen Auffassung; Shakespeare wollte in Shylock den Juden herabsetzen, und musste zugleich ihn verteidigen, verherrlichen. Er kündete und wusste nicht, was er kündete. Die dargestellte Zangwillsche Auffassung des Shylock habe icb 1916 vor einem grösseren Publikum in Kowno, ohne von Zangwill Kenntnis zu haben, öffentlich vertreten. Sie hatte sich mir aus der unterrichtlichen Behandlung des Dramas in der Prima des Mädchengymnasiums in der Zusammenarbeit mit der geistig sehr regen ostjüdischen Jugend bei genauester Detailbehandlung und Analyse wie von selbst ergeben. Dabei ereignete sich folgende hübsche Anekdote. Der militärische Schulrat inspizierte mich, als wir beim Schluss des Lustspiels hielten.

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